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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Religionen

bei allen Familienfesten der Mohammedaner. Der Parsismus ist 717 nach Indien gekommen, in welchem Jahre vor den Arabern flüchtende Parsen bei Sandschan, nördlich von Bombay, landeten. Ihre Zahl beträgt jetzt 89904, sie sitzen in und um Bombay. Gering ist die Zahl der Juden. Der Census von 1891 giebt ihre Zahl auf 17194 an, wobei noch die 2826 Juden in Aden mit eingerechnet sind. 10500 sitzen in Bombay, 1450 in Kalkutta, 1300 in Cochin, die übrigen sind über Indien zerstreut. Christen wurden 1891 gezählt 2284380; darunter sind 79790 Eurasier und 2036590 Eingeborene. Von den letztern sind 1538800 in Madras und den Malabarstaaten, nächstdem am meisten in Bengalen und in Bombay und Sindh. 57 1/2 Proz. gehören zur kath. Kirche, 8 3/4 zur syrischen, 257 zur griechischen, abessinischen oder armenischen, der Rest zu verschiedenen prot. Kirchen. - Vgl. J. A.^[Jervoise Athelstane] Baines, Census of India, 1891. General Report (Lond. 1893).

Auch abgesehen von diesen vier fremden Religionen bieten die Religionen Indiens noch ein sehr buntes Bild dar. Die Hauptmasse der einheimischen Bevölkerung bekennt sich zum Brahmanismus; der Census von 1891 verzeichnet, einschließlich der Sikh, 209639560 Bekenner desselben. 9280467 Personen werden als Animisten, 1416638 als Dschainas, 7131361 als Buddhisten aufgeführt. Als Animisten wurden alle die bezeichnet, die sich nicht zu einer der übrigen genannten Religionen bekannten, vor allem also die wilden Stämme nichtarischen Ursprungs. Religionsgeschichtlich pflegt man unter Animismus jetzt die Art der Religion zu verstehen, in der nicht Götter, sondern Seelen oder Geister verehrt werden, also Dämonenkultus im weitesten Sinne, Fetischismus, Schamanismus, Bhūtadienst u. dgl. Dieser Animismus bildet den Grundzug aller Religion in Indien von der ältesten Zeit an bis auf den heutigen Tag; er liegt in gleichem Grade der Religion der eingewanderten arischen Inder zu Grunde, wie der der nichtarischen Bevölkerung der Draviden und Kolarier und der jetzt dem Buddhismus anhängenden tibetanischen Stämme am Himalaja und der Singhalesen auf Ceylon.

Die älteste Stufe der Religion der arischen Inder ist die Vedische Religion (s. d., Bd. 16). In ihr muß man streng unterscheiden zwischen dem eigentlichen Volksglauben, den vorwiegend der Atharvaveda lehrt, und der offiziellen Religion des Rigveda. Man glaubte schon in vedischer Zeit, genau wie noch heute, an unzählige Dämonen, Kobolde, Feld- und Waldgeister, Krankheitsgeister, Unheilstifter aller Art, mehr oder weniger persönlich gedachte Substanzen, die dem Menschen schadeten und gegen die man sich durch Opfer und Zauber zu schützen suchte. Der Opferpriester war zugleich Zauberpriester; in vedischer Zeit hieß er brahmán (s. Brahma, Bd. 3), und nicht nur beim Volke spielte er die erste Rolle, sondern auch die Fürsten hatten stets ihren eigenen Brahman, der sie auch in den Krieg begleitete, weil es seine Aufgabe war, die Omina und Portenta zu beobachten, üble abzuwehren und gute ausnutzen zu lassen. Er hatte seinen Patron vor Unheil zu schützen und dessen Feinden Unheil zu schaffen. Der Spruch oder das Lied, dessen er sich bediente, hieß ein bráhman, und Dichter des Rigveda rühmen sich, mit dem bráhman ihrem Volke den Sieg verschafft zu haben. Der Brahman war auch bei allen großen Opfern anwesend; er wird der "Arzt des Opfers" genannt, weil er etwa vorkommende Störungen oder Fehler durch seine Kunst beseitigen konnte. Die Dämonen waren vorwiegend schädlicher Art; doch werden auch freundliche Geister genannt, die Feld und Haus beschützten und dem Menschen helfend zur Seite standen. Diese Dämonen wurden meist in menschenähnlicher, die bösen aber oft in abschreckender und mißgebildeter Gestalt gedacht, zum Teil auch als Tiere. Kreuzwege galten als ihr Lieblingsplatz, die Nacht als die Zeit, in der sie vorzugsweise ihr Unwesen treiben. Als zornig und geneigt zu schaden dachte man sich auch die Seelen der Verstorbenen, "die Väter" (Sanskrit: pitaras), und der Ahnenkult spielte im Leben des Volks eine hervorragende Rolle (vgl. Caland, Altind. Ahnenkult, Leid. 1893). Göttlich verehrt wurden die Berge, Flüsse, Wälder, Bäume, einzelne Pflanzen, vor allem die Somapflanze, aus der ein besonderes Getränk, der Soma (s. d., Bd. 15), bereitet wurde, der als Lieblingsgetränk des Nationalgottes Indra galt. Von Tieren wurden besonders die Schlangen verehrt, dann die Kühe und die Affen, unter denen einer, Vṛshākapi, als Bastard des Indra bezeichnet wird. Von ihm wird gesagt, daß, wo er sich in den Gefilden der Arier herumtreibt, man aufhört, Soma zu pressen, weil dann Indra nicht mehr dort als Gott gilt. Von Vögeln werden als göttlich bezeichnet der Falke, der Adler, der Geier, der Augurienvogel ist. Göttliche Ehre erwies man auch ausgezeichneten Rennpferden. Der Krieger betete zu seinen Waffen, der Landmann zum Pfluge, der Somapresser zu den Preßsteinen, der Priester zum Opferpfosten, der Spieler zu den Würfeln. Vergöttlicht wurden ferner Menschen, die während ihres Lebens einen großen Ruf hatten und die von den "geborenen Göttern" unterschieden werden als "Götter, die von Haus aus Menschen waren" oder "Götter vermöge ihrer Thaten". In diese Klasse gehören in der vedischen Religion die Ribhu (s. d., Bd. 13), die Künstler der Götter, Jama (s. d., Bd. 9), der Gott des Todes, Trita, vermutlich ursprünglich ein Arzt und Beschwörer, der bereits im Rigveda als ein uralter Gott erscheint. Auch Phallusdienst ist dem Rigveda bekannt. Diesen fetischistischen Zug hat die ind. Religion zu jeder Zeit gehabt und bis auf den heutigen Tag bewahrt. Er tritt uns weniger klar entgegen in der in Sanskrit geschriebenen Litteratur der Brahmanen, als in den in Pāli verfaßten alten Werken der Buddhisten und den zum Teil ebenfalls sehr altertümlichen Prākritwerken der Dschainas. Untergeordnete Gottheiten aller Art und Dämonen treten darin beständig handelnd auf; die Dschainas haben eine eigene Götterklasse, die Vānamantaragötter, in deren Welt alle gelangen und deren Macht, Ruhm und Glanz alle erhalten, die eines ungewöhnlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind, oder die bei ihrem Tode im Kerker saßen oder am Körper verstümmelt waren. Alte Texte rechnen darunter z. B. Leute, die gepfählt, gehängt, lebendig begraben wurden, also Verbrecher, ferner Leute, die durch Waldbrand umgekommen, von einem Berge oder Baume gefallen, die Selbstmörder, u. s. w. Die Götter dieser Klasse sind nach brahmanischen Anschauungen Dämonen; das Volk verehrt aber auch heute noch Menschen dieser Art göttlich und ihr Grab ist ein Platz der Verehrung. Sind doch heute gefürchtete Räuber und Soldaten, ja sogar franz. und engl. Feldherren, die in Indien gestorben sind, zu göttlicher Würde erhoben worden. Der Grund ist, daß man fürchtet, sie möchten wiederkommen, um sich für ihren frühzeitigen Tod zu rächen.