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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Religionen

Der ind. Staat hat sich von jeher aufgebaut auf der Dorfgemeinde, die sich in sich abschloß und sich im ganzen selbständig verwaltete. Daraus erklärt sich die ungeheure Zahl lokaler Götter, "this mob of divinities" (Crooke), denen gegenüber die großen Götter der offiziellen Religion gar keine Rolle spielen. Name und Gestalt dieser Gottheiten wechseln überall; nur verhältnismäßig sehr wenige erscheinen mit gleichem Namen in verschiedenen Teilen Indiens heute wieder, wie Sītalā (Sītlā Debī), die Göttin der Blattern, die ebenso im Pandschab wie in Bengalen verehrt wird. Fast jedes Dorf besitzt ein Bild des göttlich verehrten Affen Hanuman (s. d., Bd. 8), wie einen heiligen Baum. Sonst aber sind die Götter nach Landschaft und Ständen meist ganz verschieden, und so wird es, wenn auch auf engerm Raume in beschränkterm Maße, schon in vedischer Zeit gewesen sein. Für die alte Zeit werden uns als Standesgötter genannt für die Brahmanen Agni (s. d., Bd. 1), der Gott des Feuers, Soma, Savitar, der schöpferische Sonnengott (s. Sūrja, Bd. 15), Bṛhaspati und Sarasvatī, später Göttin der Gelehrsamkeit und Beredsamkeit; für die Kshatrija, den Adel und die Kriegerkaste, Indra (s. d., Bd. 9); für die Vaiçja, den Mittelstand, die Marut (s. d., Bd. 11); für die Çūdra, die dienende Bevölkerung, Pūshan. Im Veda tritt dieser Charakter der Götter als Standesgötter nicht klar hervor; wohl aber kann man aus einzelnen Beispielen ersehen, daß manche Priestergeschlechter einen Gott vorzugsweise verehrten, den sie für besonders ausbeutungsfähig hielten. Und das war nicht immer ein Gott ersten Ranges; war Geld zu verdienen, so war unter den Göttern "keiner klein, keiner schwach". Man suchte durch Schmeicheleien den Gott zu gewinnen und ihn sich gegenseitig abspenstig zu machen. Viele Lieder des Rigveda, wenn nicht die meisten, sind auf Bestellung gedichtet worden, was man für die Beurteilung der in ihnen ausgesprochenen religiösen Ansichten sehr in Betracht ziehen muß. In der offiziellen Religion der vedischen Zeit tritt neben den reinen Naturgöttern, dem Himmel, der Erde, der Morgenröte, der Sonne, dem Gewittergotte, dem Winde, vor allem der Gegensatz zwischen den Adityā, mit Varuṇa an der Spitze, und den Dēvā mit Indra als ihr Haupt hervor (s. Vedische Religion, Bd. 16). Unter den Adityā ist Mitra (s. d., Bd. 11), unter den Dēvā Jama ein Gott, den auch die Iranier kennen als Mithra und Jima; sie sind also schon indo-eranische Gottheiten, und der Gegensatz zwischen den beiden Götterklassen kann deshalb kein rein zeitlicher sein, sondern ist wahrscheinlich ein lokaler, vielleicht auch politischer gewesen. Der herrschende und nationale Gott ist Indra, der noch eine reiche Mythologie im Rigveda hat und an den die meisten Lieder dieses Veda gerichtet sind. Er ist durch alle Phasen der ind. Religion hindurch "König der Götter" geblieben, allmählich aber zu einer ganz unbedeutenden Rolle herabgesunken. Um so mehr tritt im Laufe der Zeit Rudra hervor. Rudra, der Vater der Marut und Herr der Tiere, ist ein gefürchteter, wilder Gott, dessen Geschoß Fieber und Husten ist, der aber auch als "bester der Ärzte" Krankheiten zu heilen versteht. In den Jadschurveden ist ihm ein eigener Abschnitt gewidmet, in dem alle seine Namen zusammengestellt sind. Schon im Rigveda erscheint als sein Beiname das Adjektiv çiva "gnädig", und unter diesem Namen ist er später einer der Hauptgötter des Hinduismus geworden neben Vishṇu, der im Rigveda zwar oft genannt wird, aber eine ganz untergeordnete Rolle spielt. Bei dem allmählichen Emporkommen dieser beiden Götter werden lokale und polit. Verhältnisse mitgespielt haben, je weiter sich die arischen Inder nach Osten verbreiteten.

Solche Verhältnisse waren es auch, die von der vedischen zu der zweiten Stufe ind. Religion führten, die man den Brahmanismus (s. d., Bd. 3) zu nennen pflegt. Bereits in vedischer Zeit war das Opferwesen sehr ausgebildet und die Zahl der Priester groß. Der Rigveda nennt alle Haupt- und viele Nebenpriester der spätern Zeit bereits mit ihren technischen Namen; der König hatte seinen Hauspriester, ganz wie in der spätern Zeit. Die älteste Zeit kannte Menschenopfer; von Tieren wurden Rind, Ziege, Schaf geopfert; dem Könige vorbehalten war das kostspielige Roßopfer, am häufigsten und beliebtesten war das Sōmaopfer in verschiedenen Formen; daneben gingen her Darbringungen von Opferkuchen, Getreide, flüssiger Butter, Honig, Milch u. dgl., die ins Feuer geopfert wurden. Für die Ausführung dieser Opfer erhielten die Priester einen Lohn, dessen reichliche Bemessung der Rigveda einschärft und als verdienstlich preist. Zauberspruch und Opfer vermochten die Götter zu zwingen; so oft man ihrer bedurfte, mußte man sich an den Priester wenden, der allein alles Gute verschaffen, alles Üble abwehren konnte. Dieses "Wissen" wurde in Werken niedergelegt, den Brāhmaṇa (s. d., Bd. 3), die ursprünglich nur Erläuterungen zu Opfer- und Zaubersprüchen waren und mit den Sprüchen ein Ganzes bildeten, wie dies noch bei dem sog. schwarzen Jadschurveda der Fall ist, bald aber zu selbständigen Werken zum Teil von großem Umfange anwuchsen, die mit peinlicher Genauigkeit alles verzeichneten, was auf das Opfer Bezug hatte. Die sorgfältige Kenntnis des Rituals war die unerläßliche Bedingung für das Gelingen des Opfers. Die Götter nahmen nur ein fehlerloses Opfer an, und es war dem eigentlich handelnden Priester, dem Adhvarju, erlaubt, seine Sprüche nur zu murmeln, damit es die Götter nicht merkten, wenn er einen Fehler machte. Aber das war nur eine Ausnahme. Der Adhvarju, wie der recitierende Priester, der Hōtar, und der singende Priester des Sāmaveda, der Udgātar, hatten viele Jahre ernster und eifriger Arbeit auf das Studium zu verwenden, und je schwieriger und komplizierter das Opferwesen wurde, um so mehr mußte seine Kenntnis Eigentum einer bestimmten Klasse werden, die dadurch Macht und Einfluß gewann. Es entstanden zahlreiche Schulen, die sich die Ausbildung der Priester zur Pflicht machten. In der Hauptsache stimmten sie überein; aber in vielen Einzelheiten wichen sie voneinander ab, oft Dinge, die uns kleinlich und geringfügig erscheinen, für den Inder aber genügten, um eine eigene Schule zu gründen. Die Spuren dieser Thätigkeit finden sich in den Brāhmaṇa, vor allem in dem wichtigsten und umfangreichsten unter ihnen, dem Çatapathabrāhmaṇa, das zu dem weißen Jadschurveda gehört. Zwei Männer sind es vor allem, die in der Entwicklung des Brahmanismus scharf hervortreten, Āruṇi und sein Schüler Jādschnjavalkja. Āruṇi ist eine Hauptautorität für die Bildung der orthodoxen brahmanischen Disciplin; seinem Namen begegnet man überall auf dem Gebiete des Opferwesens. Berühmter aber ist sein Schüler Jādschnjavalkja, einer der hervorragendsten Persönlichkeiten des alten