Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

599

Individualismus - Indochinesische Sprachen und Völker

Auserwählten, eine Sitte, die auch die Orāon angenommen haben. Oder man jagt einen Ochsen durch das Dorf und wählt den zum Priester, vor dessen Thür der Ochse stehen bleibt. Im Gegensatz zu den Orāon haben die Mūndāri keine Götzenbilder. Der Priester opfert Ochsen, Schweine, Böcke, Hühner auf einem dazu bestimmten Steine und sprengt das Opferblut umher. Dem Singbonga werden nur weiße Hühner und weiße Böcke geopfert, den bösen Bonga nur schwarze oder bunte. Das Opferfleisch verzehrt der Priester, bei größern Tieren auch die Familie des Opfernden. Das Hauptopfer wird im März vor der Saatzeit dargebracht. Man reinigt die Häuser und schmückt sie und sich mit Blumen. Der Priester wird auf die Schultern gehoben und unter Gesang und Geschrei aus dem Opferhain ins Dorf getragen, worauf getanzt und gezecht wird. Zur Abwehr aller Arten von Unglück dienen Zauberer, die in ihren Zaubersprüchen Hindugötter anrufen, vor allem Çiva als Mahādēo (im Sanskrit Mahādēva). Die Mūndāri glauben an Hexen und besonders fest daran, daß sich Menschen mit Hilfe der Bonga für einige Zeit in Tiger verwandeln, um Menschen zu fressen. Bei Krankheiten weissagen sie aus dem Flug und Geschrei der Vögel, besonders des Raben; aus dem Fressen oder Nichtfressen der Hühner ziehen Pāhans und Zauberer ihre Schlüsse. Auch Gottesurteile kennen sie. Bei einem Streit um Ländereien muß der, der das Land beansprucht, den Fuß eingraben. Beißen ihn die Ameisen nicht, so gehört das Land ihm; andernfalls wird er mit Schimpf und Schande von dem Felde gejagt. Die Religion der übrigen Kolarier zeigt immer dieselben Züge: Fetischismus und Totemismus. Name und Zahl der Götter und Geister wechseln in jedem Lande, ja Dorfe, gerade wie bei den Hindu. Dem Ōdschhā der Hindu entspricht bei den Kolariern der Baiga; er ist der Beschwörer und Teufelaustreiber, der seine Kunst oft genau so ausübt wie der Schamane (s. Schamanismus, Bd. 14). Unter den Kolh hat die Goßnersche Mission eine segensreiche Thätigkeit entfaltet; 1890 waren über 36000 zum Christentum bekehrt. - Vgl. noch E. W. Hopkins, The religions of India (Bost. und Lond. 1895); W. Crooke, An introduction to the popular religion an folklore of Northern India (Allahabad 1891); H. Kern, Manual of Indian Buddishm (im "Grundriß der indo-arischen Philologie und Altertumskunde", IV, 8, Straßb. 1896).

Individualismus (lat.), in der Metaphysik die Anschauung, daß nur den Einzelwesen (Dingen wie Personen) Selbständigkeit und wahrhaftes Sein zukommt, gegenüber der Philosophie des Universalismus, die, wie z. B. bei Plato, Spinoza, Schopenhauer, nur das unendliche Ganze der Wirklichkeit als wahrhaft seiend betrachtet und die Selbständigkeit der Einzeldinge leugnet. Die hervorragendsten individualistischen Systeme in der neuern Philosophie sind die von Leibniz, Herbart und Lotze. In der Ethik versteht man unter I. die Richtung, die das Ziel des Willens und den Wert des Daseins überhaupt im Individuum, nicht in der Gemeinschaft oder der Gattung sucht. Ihre extremste Gestalt ist der schroffe Egoismus Stirners und Nietzsches; ihr Gegensatz der Altruismus. In der Politik ist der I. die dem Socialismus und Kollektivismus gegenüberstehende Anschauung.

Indochinesische Sprachen und Völker. Mit dem Namen Indochinesen bezeichnete man ursprünglich (und thut es, freilich mit Unrecht, zuweilen auch jetzt noch) bloß die Völker der hinterind. Halbinsel. Der Name wurde zunächst wohl nur von der geogr. Lage ihrer Wohnsitze genommen, die ja gewissermaßen zwischen Indien und Südchina liegen; vielleicht ist auch gleich zu Anfang schon die Beobachtung maßgebend gewesen, daß diese Bewohner Indiens in Rassentypus und Sprache Ähnlichkeit mit den Chinesen haben; jedenfalls kam man, hauptsächlich auf die Übereinstimmung namentlich ihres Sprachbaues gestützt, zu der Annahme, daß sie eine eigene, dem Chinesischen verwandte Sprachfamilie bildeten. Bei genauerer Untersuchung hat sich nun herausgestellt, daß diese Definition auf der einen Seite zu weit, auf der andern zu eng ist. Denn den Forschungen E. Kuhns ("Beiträge zur Sprachenkunde Hinterindiens", in den "Sitzungsberichten" der Münchener Akademie, 1889, philos.-philol. Klasse 2) verdankt man den Nachweis, daß die Khmer (in Kambodscha), die Mon oder Talaing (in Pegu), die Annamiten und die Tschampa (beide in Annam) nebst einer Anzahl kleinerer Gebirgsvölker, wie Khasi, Palaung u. a., mit den übrigen Insassen des Landes nicht verwandt sind; vielmehr bilden die Mon und Khmer mit jenen kleinern Stämmen eine eigene Sprachfamilie, der auch das Annamitische nahe steht (man hat sie daher mon-annamitische Sprachen genannt), und diese Sprachfamilie zeigt, worauf schon Mason ("The Talaing language", im "Journal of the American Oriental Society", IV) und Schott ("Über die sog. indochinesischen Sprachen, insonderheit das Siamische", in den "Sitzungsberichten" der Berliner Akademie, 1856, philos.-histor. Klasse) hingewiesen hatten, auffällige Übereinstimmungen im Wortschatz nicht bloß mit den Sprachen der Urbewohner Malakas und der Insel Nancowry, sondern auch mit den Kolhsprachen Vorderindiens. Ja, es ist nicht unwahrscheinlich, daß alle diese Sprachen in verwandtschaftlicher Beziehung zu den malaiischen stehen, zu denen das Tschampa so wie so gehört; man schließt das (vgl. Himly, Über die Wortbildung des Mon, in den "Sitzungsberichten" der Münchener Akademie, 1889, philos.-philol. Klasse, S. 260-277) daraus, daß bei den Mon, Khmer und Kolh dieselbe Wortbildung durch Suffixe vorhanden ist, die man als ein hervorstechendes Merkmal der malaiischen Sprachen kennt. Somit muß die mon-annamitische Sprachfamilie, wie man sie der Kürze halber noch nennt, von den andern Sprachen Hinterindiens, dem Birmanischen (richtiger Barmanischen) und Siamesischen, getrennt werden. Und zwar ist sie höchst wahrscheinlich als die Urbevölkerung der Halbinsel anzusehen, dafür spricht außer ihrer Tradition, die von einer Einwanderung nichts berichtet, besonders der Umstand, daß man wenigstens von den Siamesen weist, daß sie erst in geschichtlicher Zeit von Norden her, aus Jün-nan, kommend, in das jetzige Siam eingedrungen sind. Diese aber und die Birmanen samt den kleinen Stämmen in Birma sind, wie das ebenfalls die Sprachvergleichung gelehrt hat, auf das innigste nicht bloß mit den Chinesen, sondern außerdem auch mit den Tibetern und den schier zahllosen Völkern und Völkchen verwandt, welche die Südabhänge des Himalaja und die westlichsten Provinzen Chinas bewohnen. Diese riesenhafte Völkerfamilie (vielleicht die größte, die es giebt), die sich in ununterbrochenem Zusammenhange über das ganze eigentliche China, Tibet bis zum Kuku-nor