Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

830
Österreichisch-Ungarische Monarchie
(Berl. 1894): Leske und Löwenfeld, Die Nechtsverfol-
gung im internationalen Verkehr, Bd. 1 (ebd. 1895).
Unterrichtswesen. Die Zahl der Volks- und
Bürgerschulen betrug in Österreich 1894: 18182,
mit den Privatschulen 19146 und in Ungarn und
Kroatien 1893: 18 310, der Lehrkräfte 68038 und
27 990, der Schüler 3 312 530 und 2 314 831, 87,0
und 79,i9 Proz. der schulpflichtigen Kinder. An
höhern und mittlern Unterrichtsanstalten bestanden
(1894 bez. 1893) 8 und 3 Universitäten mit 14193
und 4639 Hörern, 6 und 1 technische Hochschulen mit
2346 und 810 Hörern, 1 Hochschule für Bodenkultur,
2 und 4 Bergakademien, 3 und 4 Kunstschulen, 45
und 53 theol. Lehranstalten und 10 Rechtsakademien
(in Ungarn), 155 Gymnasien und 23 Realgymnasien
in Osterreich und 163 Gymnasien in Ungarn, 77
und 38 Realschulen, 46 und 56 Lehrerbildungs-
anstalten, 31 und 17 Lehrerinnenbildungsanstalten,
971 und 606 Handels-und Gewerbeschulen, 111 und
44 land- und forstwirtschaftliche Schulen, 6 und 3
niedere Vergschulen, 3 nautische Schulen (Osterreich),
7 Schulen für Tierheilkunde (Osterreich), 15 und 7
Hebammenschulen, 506 und 27 Schulen für Musik
und Theater, 546 Schulen für weibliche Handarbei-
ten (Österreich) und 588 und 95 sonstige Lehr- und
Erziehungsanstalten.
Geschichte. Das Koalitionsministerium Win-
disch-Grätz, das 11. Nov. 1893 die Regierung
übernommen und als seine erste und wichtigste
Aufgabe selbst die Wahlreform bezeichnet hatte,
vermochte diese nicht zu lösen. Aus Mitgliedern
verschiedener, in ihren Ansichten teilweise weit
auseinander gehender Parteien zusammengesetzt,
entbehrte es der kräftigen Initiative, die für das
Gelingen des Werkes erforderlich gewesen wäre.
Die Obmänner der koalierten Parteien, die zuerst
allein, dann unter Veiziehung weiterer Vertrauens-
männer, über den Vorschlag der Regierung und
andere Anträge geheime Veratungen hielten, konn-
ten sich über einen bestimmten Plan nicht einigen.
Am 27. Nov. 1894 machte Fürst Windisch-Grätz
dem Wahlreformausschusse hiervon Mitteilung und
gab die Erklärung ab, das; es die Regierung jetzt
diesem überlasse, selbst in die Beratung einzutreten.
Ein Subkomitee, das der aus 36 Mitgliedern be-
stehende Ausschuß niedersetzte, brachte unter Ver-
mittelung der Regierung einen auf zahlreichen Kom-
promissen beruhenden Gesetzentwurf zu stände, der
Anfang Juni 1895 bekannt gemacht wurde. Danach
sollte die Zahl der Mitglieder des Abgeordneten-
hauses um 47, also auf 400 erhöht werden, von
denen 34 von der Gruppe der kleinsten Steuerzahler
(unter 5 Fl.>, 13 von den industriellen Arbeitern,
die in den Krankenkassen versichert sind, gewählt
werden sollten.
Dieser Entwurf, in dem hauptsächlich die Wünsche
des Hohenwart-Klubs zum Ausdrucke gebracht wur-
den, erregte grohe Unzufriedenheit nicht bloß bei
den Arbeitern, die nur zum Teil das Wahlrecht und
nur eine minimale Zahl von Vertretern erhalten
hätten, sondern auch bei den Liberalen, weil infolge
der Teilung der neuen Wähler in zwei Kurien die
34 Mandate der geringst Besteuerten fast ausnahms-
los entweder den Slawen oder den Klerikalen und
Antisemiten zugefallen wären. Schon im Subkomitee
hatten sie sich dagegen ausgesprochen, und ihre ein-
flußreichsten Organe bezeichneten den Wahlentwurs
einfach als unannehmbar. Drohte schon diese Frage
cine Krise in der Koalition hervorzurufen, so wurde
sie beschleunigt durch die von der Regierung bean-
tragte Errichtung eines Gymnasiums mit deutscher
und slowen. Unterrichtssprache in Cilli, das den
Slowenen noch vom Ministerium Taaffe in Aussicht
gestellt und vom Grafen Hohenwart zu ihrer Be^
friedigung dringend verlangt worden war. Plener
und Wurmbrand scheinen im Ministerrate dagegen
gestimmt, aber der Mehrheit sich gefügt zu haben.
Die deutjchliberalen Abgeordneten, deutsche Ge-
meindevertretungen, Vereine und Zeitungen sprachen
sich in der schärfsten Weise gegen die Errichtung die-
ses Gymnasiums in Cilli aus, wo das Deutschtum
ohnehin gefährdet war. Die Vereinigte Deutsche
Linke zeigte sich zur Bewilligung der Mittel für ein
deutsch-slowen. Gymnasium an einem ganz oder
vorherrschend slowen. Orte Südsteiermarks bereit,
trat aber 18. Juni, als im Budgetausschusse die für
das Cillier Gymnasium geforderte Summe mit Hilfe
der Polen und des Hohenwart-Klubs bewilligt war,
auf Grund eines Klubbeschlusses aus der Koalition
aus, die dadurch gesprengt war. Am folgenden
Tage reichte das Ministerium seine Demission ein,
und der Statthalter von Niederösterreich, Graf Kiel-
mansegg, wurde zum Minister des Innern ernannt
und mit dem Vorsitz im Ministerrat betraut. Von
den bisherigen Ministern blieben nur der Landes-
verteidigungsminister Graf Welfersheimb und der
Minister für Galizien Ritter von Iaworski, während
mit der Leitung der übrigen Ministerien hervorra-
gende Beamte beauftragt wurden. Das neue Mini-
sterium gab ausdrücklich die Erklärung ab, daß es
nur die Aufgabe habe, die laufenden Geschäfte bis
zur Konstituierung eines definitiven Kabinetts zu
führen und den geregelten Gang des Staatshaus-
haltes sicher zu stellen, d. h. die Annahme des Bud-
gets durchzusetzen. Dies wurde auch in kurzer Zeit
erreicht, weil alle Parteien ein Ende der Session
herbeiwünschten. Dabei wurden auch die Kosten für
das utraquistische Gymnasium in Cilli gegen die
Stimmen der deutschen und ital. Liberalen und der
Antisemiten bewilligt. Außer dem Budget wurden
auch zwei schon unter dem Koalitionsministerium
sehr weit geförderte Gesetzentwürfe von großer Wich-
tigkeit, die neue Civilprozeßordnung und die Reform
der Einkommensteuer (s. Seite 827 d), noch vor dem
Schlüsse des Reichsrats erledigt.
Unterdessen war auch ein Wechsel in der Leitung
der auswärtigen Angelegenheiten eingetreten. Der
päpstl. Nuntius Agliardi hatte auf einer Reise nach
Ungarn in öffentlichen Ansprachen Äußerungen ge-
macht, die eine Mißbilligung der ungar. Kirchen-
politik enthielten. Auch Graf Kalnoky, den der
nngar. Ministerpräsident Vänffy um die Mitteilung
seiner Anschauungen hierüber ersuchte, bezeichnete
in einer Note vom 25. April 1895 das Auftreten
des Nuntius in der gegenwärtigen Situation als
taktlos und erklärte sich bereit, beim Heiligen Stuhle
dagegen Einsprache und Klage zu erheben. Banffy
bemerkte nun in der Beantwortung einer offenbar
durch ihn veranlaßten Interpellation 1. Mai, daß
der Minister des Äußern seine Auschauung über
die Unzulüssigkeit einer Einmischung des Nuntius
in die innere Angelegenheit Ungarns teile uud
dies bereits zur Kenntnis des Heiligen Stuhls ge-
bracht habe. Kalnoky bezeichnete jedoch in einem
offiziösen Communiqus in mehrern Punkten die Er-
klärung Vänffys als unrichtig, dessen Unvertraut-
heit mit den diplomat. Geschäften man es allein zu-
schreiben könne, daß er einen erst in Aussicht gestell-