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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland
Die außerordentlichen Ausgaben (Eisenbahnbauten) waren 1896 auf 130,5 Mill. Rubel berechnet und sollten aus den Überschüssen der ordentlichen Einnahmen und aus den Kassenbeständen gedeckt werden. Die Staatsschuld beträgt (1. Jan. 1897) 2128,8 Mill. Metall- und 2857,5 Mill. Kredit-, zusammen 6050,6 Mill. Kredit-Rubel. Ein Übergang zur Goldwährung (s. Währung) wird vorbereitet, und der neue Rubel soll dann auf 66 2/3 Kopeken Gold normiert werden (d. i. 2,14 M. oder 2,67 Frs.).
Gold-, Silber- und Kupfermünzen wurden 1895 im Nennwert von 55346680 Rubel geprägt.
Über Sparkassenwesen s. Sparkassen.
Verwaltung. Neben den Ministerien bestand bis 1884 die Geheime Kanzlei des Kaisers, die vier Abteilungen umfaßte: für die Privatkorrespondenz, für die Redaktion der Gesetze und Nkase, für die hohe Polizei (dies war die gefürchtete Dritte Abteilung; sie wurde 1880 als Departement der Reichspolizei dem Ministerium des Innern zugeteilt), für die Anstalten der Kaiserin Maria Fedorowna. Dazu kam noch eine Vittschriftenkommission. An Stelle der Geheimen Kanzlei ist 1885 die Eigene Kanzlei des Kaisers (Sobstvennaja Jego Imperatorskago Veličestva kanceljarija) getreten, der zugeteilt sind: das Komitee der Fürsorge für ausgediente Civilbeamte, die Bittschriftenkanzlei, das Staatssekretariat des Großfürstentums Finland. Endlich gehört noch dazu die Kanzlei für die Anstalten der Kaiserin Maria Fedorowna (der Gemahlin Kaiser Pauls). Sie bestehen aus Wohlthätigkeitsanstalten (Findelhäusern, Entbindungsanstalten, Krankenhäusern, Kinderasylen) und Lehranstalten (Mädcheninstitute, Mädchengymnasien, auch einige Knabeninstitute) in den beiden Hauptstädten und an andern Orten R.s. Diese Institute wurden seinerzeit von der genannten Kaiserin Maria geleitet und zum Teil begründet, sowie nach ihrem Tode (1828) in einen besondern Verwaltungszweig zusammengefaßt, an dessen Spitze ein unmittelbar vom Kaiser ernannter Oberdirektor mit den Rechten eines Ministers steht, sowie unter dessen Vorsitz ein Vormundschaftsrat (bestehend aus vom Kaiser ernannten Ehrenvormündern; mit zwei Versammlungsorten: in Petersburg und in Moskau).
Geschichte. Mit der Berufung des Fürsten Lobanow-Rostowskij (s. d.), die der neue Zar Nikolaus II. im März 1895 vollzog, hat sich ein gewisser Systemwechsel in der auswärtigen Politik R.s gegenüber der von Alexander III. befolgten Tendenz geltend gemacht. Eine mildere, der Natur und Gedankenrichtung des jungen Herrschers entsprechende versöhnliche Auffassung gelangte unter Lobanows Leitung zum Durchbruch. Wie Nikolaus die harte und schroff zufassende Art des Vaters in der Orientpolitik schon im allgemeinen vermied, so gab er auch die von diesem beobachtete feindselige Haltung gegen den Fürsten Ferdinand von Bulgarien auf und erkannte ihn gegen gewisse Zugeständnisse an. Dem Einvernehmen mit Frankreich, an dem man freilich dem Dreibunde gegenüber festhielt, ward von russ. Seite mehr und mehr die aggressive Tendenz gegen Deutschland genommen, so daß diese Kombination, die unter Alexander III. die Situation beherrscht hatte, schließlich, wie verlautet, in der Festsetzung eines einfachen Defensivbündnisses ihren Abschluß gefunden haben dürfte. In ostasiat. Dingen, besonders aber in der durch die furchtbaren Wirren in der Türkei neuerdings wieder aufgerollten orient. Frage ist bereits mehrfach ein Zusammengehen R.s mit den Dreibundsmächten und ein scharfer Gegensatz zu England, das Alexander III. durch möglichstes Beiseiteschieben aller trennenden Punkte für das russ.-franz. System zu gewinnen gesucht hatte, bemerkbar gewesen: ein Anzeichen, daß Nikolaus II. sein Hauptaugenmerk auf die Erweiterung der russ. Machtsphäre in Asien gerichtet hat, wo sich die russ. Diplomatie gegenüber ihren japan. und engl. Rivalen in Korea (s. d.) sowohl wie auch in China den entscheidenden Einfluß zu sichern wußte. Ein 1896 geschlossener russ.-chines. Vertrag, der offiziell allerdings noch in Abrede gestellt wird, gestattet R., seine Sibirische Eisenbahn (s. d., Bd. 14) durch die chines. Mandschurei zu führen und giebt ihm für den Kriegsfall das Besatzungsrecht in drei Häfen, unter denen sich auch das wichtige Port-Arthur (s. d.) befindet.
Am 26. Mai 1896 wurde die Krönung des Kaiserpaares mit größtem Glanze in Moskau (s. d.) vollzogen; doch trübte ein schwerer Unglücksfall, der bei dem Volksfeste auf dem Chodynkafelde am 30. Mai den Tod von mehrern Tausenden von Menschen herbeiführte, das Fest. In der innern Politik nahmen die auf die Hebung der sittlichen und materiellen Wohlfahrt des Volks gerichteten Maßnahmen ihren Fortgang. Gegenüber den fremden Konfessionen und Nationalitäten beobachtet Nikolaus II. eine dauernde, vielleicht in der Zunahme begriffene freundliche Tendenz. Im ganzen aber gehören die ersten Regierungsjahre des jungen Zaren der auswärtigen Politik an. Im Sommer 1896 erfolgten die Besuche des Kaiserpaares an den durch Verwandtschaft oder Politik befreundeten Höfen. Vom 27. bis 29. Aug. weilte dasselbe in Wien, wo die vollste Verständigung bezüglich der Orientwirren erzielt wurde. Ebenso herzlich war die Entrevue mit dem deutschen Kaiser in Breslau und Görlitz vom 5. bis 7. Sept. Obwohl der russ. Minister des Auswärtigen, Fürst Lobanow, auf der Rückreise am 31. Aug. plötzlich starb, wurde zwischen dem russischen und deutschen Kaiser ein enges Einvernehmen in der Politik der beiden Nachbarreiche für die Zukunft verabredet und festgelegt. Vom 9. bis zum 20. Sept. weilte das Kaiserpaar in Dänemark. Von dort begaben sich der Zar und seine Gemahlin an den Hof von England, dann nach Frankreich, wo sie mit der überschwänglichsten Begeisterung empfangen wurden, und endlich nach Darmstadt, von wo sie nach R. zurückkehrten. Die kundgegebenen freundschaftlichen Beziehungen R.s zu den Mächten des Dreibunds erhielten neuerdings durch die Vermählung des Kronprinzen von Italien mit einer Tochter des R. eng befreundeten Fürsten von Montenegro eine Stärkung und erlitten auch durch einige zollpolit. Differenzen mit Deutschland keine Trübung. Auch die im Jan. 1897 erfolgte Ernennung des Grasen Murawjew (s. d.) zum Leiter der auswärtigen Angelegenheiten, die in dreibundfeindlichen Kreisen mit besonderer Freude begrüßt wurde, da Murawjew als ein warmer Anhänger der russ.-franz. Entente gilt, dürfte in der friedlichen Tendenz der russ. Politik kaum eine Änderung hervorbringen.
Neuere Litteratur. Jahrbuch der kaiserlich russ. Geographischen Gesellschaft (russisch, Petersb. 1891 fg.); Lanin, Russ. Zustände (deutsch, Bd. 1, Dresd. 1892); Industries of Russia. By the Department of trade and manifacture (englisch von I. M. Crawford, 5 Bde., Petersb. 1893); Vsja