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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Volkshochschulen - Volksmedizin
Sept. 1897 für 120 Männer eröffnet wurde. Die
Gesamtbausumme beträgt 250000 M. Eine Heil-
anstalt für Lungenkranke der.hanseatischen Versiche-
rungsanstalt für Invaliditäts- und Altersversiche-
rung ist in St. Andreasberg im .harz 1896 eröffnet
worden. 142 Krankenkassen des Bezirks tragen zu
den Kosten der Unterhaltung der Kranken gemein-
schaftlich mit der Versicherungsanstalt bei. Die
Norddeutsche Knappschafts-Pensionskasse zu Halle
bat 550000 M. für Erbauung einer Heilstätte bei
Sülzhain unweit Ellrich am Südharz bewilligt. In
Stuttgart hat sich ein 1200 Mitglieder umfassender
Verein gebildet, welcher im Gebirge ein Sanatorium
mit 70 - 80 Betten bauen will. In Krailing bei
Planegg in Bayern wurde seitens des Vereins für
V. in Bayern 5. Nov. 1896 der Grundstein zur
ersten bayr. Volksheilstätte gelegt, zu der Baronin
Kirsch-Planegg 100000 M. gestiftet hat. Auch in
Leipzig, Stettin, Vreslau, Oppeln, Erfurt, Han-
nover, Hanau, Nürnberg, Würzburg, Worms,
Oldenburg und Vraunschweig ist die Ausführung
ähnlicher Pläne in Vorbereitung. In Berlin ist ein
Komitee zusammengetreten, um für Berlin und die
Provinz Brandenburg die Gründung von V. zu för-
dern, aber auch um zunächst die Mittel zur Errichtung
einer Lungenheilstätte für weniger bemittelte Kranke
aus dem Stande der Lehrer, Gelehrten, Künstler und
Schriftsteller zu beschaffen, die in der Umgebung der
Hauptstadt, noch innerhalb des Vorortverkehrs, er-
baut werden und vorläufig 120 Betten enthalten soll.
Die Gesamtkostcn sind auf 600000 M. berechnet.
Am 21. Nov. 1895 hat sich in Berlin ein "Deutsches
Centralkomitee zur Errichtung von Heilstätten für
Lungenkranke" unter dem Protektorat der Kaiserin
und dem Ehrenvorsitze des Reichskanzlers Fürsten
Hohenlohe gebildet, welches zwar nicht eigene An-
stalten errichten, vielmehr ausschließlich die Errich-
tung solcher Heilstätten fördern soll, deren Unter-
haltungskosten anderweit gesichert sind. Dasselbe
hat bisher 400 000 M. gesammelt. Der Volks -
Heilstättenverein vom Roten Kreuz hat
seine Specialaufgabe, die Vereine vom Roten Kreuz
zur Mitwirkung bei einer planmäßigen Schwind-
suchtsbekämpfung anzuregen, und das Kriegsmate-
rial derselben für die Heilstättenzwecke zu erproben,
mit dem erhofften Erfolge durchgeführt. Er hat am
Gradowsee seit 25. April 1896 eine Heilstätte er-
öffnet und in Anerkennung der besondern Bedeu-
tung seines Vorgehens vom Centralkomitee für die-
selbe 20000 M. Zuschuß erhalten. In Altena
(Westfalen) hat der Kreiskommunalverband auf
Anregung des Kreisvereins vom Noten Kreuz
300000 'M. für eine Heilstätte bewilligt, und
140000 M. wurden von zwei Wohlthätern dazu
gestiftet. In Hagen sind 150000 M. für eine Heil-
stätte gesichert, und in Cassel spendete dem Provin-
Zialverbande des Frauenvereins vom Roten Kreuz
eine Wohlthäterin 250000 M. zum Bau einer Heil-
stätte. Der 1893 verstorbene Berliner Bankier von
Bleichrdder hatte 1 Mill. M. für Tubcrkulinbehand-
lung testamentarisch ausgesetzt, welche dem Berlin-
Brandenburger Heilstättenverein für die
Heilstättenverpflegung Unbemittelter nutzbar zu
machen gelungen ist, so daß der Verein mit dem
Bau seiner Heilstätte demnächst beginnen wird.
Volkshochschulen, ^. Fortbildungskurse.
Volkslesehallen, s. Volksbibliotheken.
Volksmedizin, im Gegensatz zu der wissen-
schaftlichen, von den Ärzten ausgeübten Heilkunde
die mediz. Anschauungen, wie sie im niedern Volke
und besonders bei dem Landvolke herrschen, und
die mediz. Maßnahmen, wie sie von diesem ausge-
führt werden. Sie bildet ein oft nur schwer entwirr-
bares Gemisch von mystischen, oft bis in die Zeiten
des Heidentums zurückreichenden Begriffen, verbun-
den mit mehr oder weniger richtig verstandenen
Resten veralteter Magistralmedizin verflossener
Jahrhunderte, denen sich mancher ganz passend er-
dachte und zweckmäßig ausgeführte Handgriff zuge-
sellt. Die letztern sind aber gar nicht selten von
einer solchen Fülle überflüssigen und sinnlosen Bei-
werks umschlungen, daß es häufig nur mit großer
Mühe gelingt, das eigentlich Heilkräftige darin zu
entdecken. Hier liegt sicherlich in der Mehrzahl der
Fälle eine bewußte Absicht des ursprünglichen Heil-
künstlers vor, der durch auffälliges, nutzloses Bei-
werk sein mediz. Geheimnis verbergen wollte. Will
man die V. verstehen, so muß man sich bemühen, in
die anatom. und physiol. Anschanungen des Volks
einzudringen. Je nachdem das Volk sich die Organe
des Körpers und deren Funktionen vorstellt, richtet
es auch seine diätetischen und seine therapeut. Maß-
nahmen ein. Letztere sind aber auch wesentlich ab-
hängig von der Auffassung, die das Volk von dem
Wesen der Krankheit besitzt. Ist die Krankheit eine
Schickung oder Strase der Gottheit, so muß sie er-
tragen, oder durch Gebet abgewendet, oder durck
Buße und Opfer beseitigt werden; ist sie das Werk
der Dämonen oder übelwollender Zauberer, so muß
sie durch Amulette, Beschwörungen und Besprechun-
gen, oder durch Gcgenzauber abgewendet werden.
Ist der letztere nicht ausführbar, so gelingt es oft,
die Krankheit auf andere Gegenstände (Gestirne,
Wind, Wasser, Vänme, Tiere), oder auch auf nichts-
ahnende Menschen zu übertragen, oder sie Toten
mit in das Grab zu geben.
Die von dem Volke ausgewählten Medikamente
bergen einiges Zweckmäßige und Brauchbare unter
einer unendlichen Fülle von Wirkungslosem und
Unbrauchbarem und bisweilen sogar Schädlichem.
Für die Auswahl dieser Heilmittel lassen sich fol-
gende Gesichtspunkte als maßgebend herauser-
kennen. Sie müssen selten, kostspielig und schwer
zu beschaffen sein (in den deutschen Alpen z. V. die
Iochkamille, d. h. die auf den Hochjochen wachsende);
sie müssen von auffallendem, namentlich aber von
schlechtem Geschmack oder Geruch, oder ^onst ekel-
erregend sein; sie müssen sich durch ihre Form oder
Farbe bemerklich machen, die bisweilen zu der Krank-
heit und ihren Erscheinungen in ganz bestimmte Be-
ziehung gebracht werden (gelbe Stoffe gegen Gelb-
fucht, rote gegen Rose); oder sie müssen von Tieren
und Pflanzen stammen, deren Eigenschaften mit den
.Nranthcitssymptomen gewisse Ähnlichkeiten darbie-
ten (Teile stechender Tiere und Pflanzen gegen
stechende Schmerzen) n. s. w. Das Herstellen und Ein-
sammeln muß schweigend geschehen, oder unter dem
Murmeln bestimmter Gebete oder Beschwörungen;
oder zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten (im
Mondschein, vor Sonnenaufgang, zwischen den
Tagen bestimmter Heiliger oder kirchlicher Feste).
Das sind namentlich ber Pflanzen oft in Wirklich-
keit die Zeiten, in denen sie, oder das in ihnen Wirk-
same, den höchsten Grad der Entwicklung erreichen.
Unter dem ausübenden Heilpersonal stehen oben
an die alte oder weise Frau und der alte oder kluge
Mann, die zauberkundig sind; es folgen dann das
Kräuterweib, der Wurzelsammler, Scharfrichter,