Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

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Guttapercha

den Leguminosen gehörigen, der Gattung Copaifera nahestehenden Hardwickia pinnata abstammt. In Ostindien wird dieser Balsam anstatt des Kopaivabalsams häufig verwendet; vom G. unterscheidet er sich dadurch, daß er nicht fluoresziert; weiter ist er in dicken Schichten gelblichgrün, in dünnen weinrot. Um Gurjunbalsam, Hardwickiabalsam und Kopaivabalsam von einander zu unterscheiden, soll man nach Flückiger und Hanbury folgendermaßen verfahren: Ein Tropfen des zu untersuchenden Balsams wird mit 19 Tropfen Schwefelkohlenstoff gemischt und hierzu ein Tropfen einer Mischung aus gleichen Teilen konzentrierter Schwefelsäure und Salpetersäure hinzugefügt. Hierdurch wird Kopaivabalsam leicht rotbraun und setzt an den Seiten des Probegläschens einen kristallinischen Niederschlag ab; Gurjunbalsam färbt sich dagegen intensiv purpurrot und nach einigen Minuten violett; Hardwickiabalsam endlich bleibt unverändert und behält seine blaßgrünlichgelbe Färbung der Lösung in Schwefelkohlenstoff. - Zollfrei.

Guttapercha. Dieser durch seine besondern Eigenschaften höchst nützliche und zu den verschiedensten Zwecken verwendbare Stoff war vor 1844 noch nicht einmal dem Namen nach bekannt; seine Einfuhr aus dem Erzeugungslande Ostindien stieg aber von diesem Zeitpunkte an in wenig Jahren ins Großartige, und jetzt ist der Stoff längst ein unentbehrliches Material für eine Menge technischer Erzeugnisse geworden. Die G. ist wie das Kautschuk der koagulierte Milchsaft eines Baumes, und beide Stoffe sind ihrer chemischen Natur nach nahe verwandt, in ihren hauptsächlichen physikalischen Eigenschaften jedoch verschieden: denn während das Kautschuk sich durch seine vorzügliche Elastizität auszeichnet, die der G. abgeht, besitzt diese die Eigenschaft, durch bloße Wärme so bildsam zu werden, daß sie sich leicht in jedwede Form bringen läßt, und nach dem Erkalten sogleich wieder ihre frühere Konsistenz und Zähigkeit anzunehmen, in welcher sie mit Holz, Horn, Leder und andern derartigen Stoffen sich in Vergleich stellt. Der Guttaperchabaum (Isonandra gutta) hat in Ostindien auf Festland und Inseln ein ziemlich großes Verbreitungsgebiet; von Singapore aus, in dessen Sumpfwaldung die Ausnutzung begonnen, findet er sich in nördlicher Richtung bis Pinang, südlich bis auf die Ostküste von Sumatra und Java, östlich bis Borneo. Den Bewohnern dieser Gegenden war die G. nicht ganz unbekannt geblieben und es wurden gelegentlich einfache Gegenstände, wie Peitschen, Stiele zu Äxten etc. daraus gebildet. Der Stoff bleibt indes in dem heißen Klima zu weich, um vielseitige Benutzung zuzulassen. Als aber der starke Begehr von Europa dem Gegenstande einen ganz andern Wert verlieh, begann die Durchsuchung und Ausbeutung der Wälder durch Scharen von Indiern, Malaien und Chinesen. In dieser ersten verhängnisvollen Zeit sind Hunderttausende von Bäumen umgeschlagen worden um schneller in Besitz des Saftes zu kommen; man hat aber das unwirtschaftliche Verfahren einsehen lernen und zapft jetzt die Bäume nur durch Einschnitte und Wegnahme eines Stücks Rinde an. Der ausfließende und in Gefäßen aufgefangene Saft hat die täuschendste Ähnlichkeit mit Kuhmilch, gerinnt aber an der Luft bald, indem sich die eigentliche G. gleich dem Käsestoff aus der Milch klumpig abscheidet. Dieselbe wird mit den Händen zusammengeknetet und dem Trocknen überlassen, worauf sie als Rohware fertig ist. Sie kommt in den Handel in viereckigen, 10-20 kg schweren, im Innern sehr porösen Blöcken, die sehr schwierig zu zerteilen sind, am besten noch durch Sägen, und in bequemerer Form in kurzen Spänen, in welche die Blöcke auf Maschinen zerrissen worden sind. Die Blockware hat noch die sämtlichen Unreinigkeiten, Rindenstückchen, Holzspitter ^[richtig: Holzsplitter], Fasern, Erde, Steinchen, welche in der Masse nie fehlen. Durch Kneten in heißem Wasser lassen sich diese fremden Stoffe größtenteils beseitigen. Bei der im Handel befindlichen gereinigten G. geschieht die Reinigung maschinenmäßig, und zwar in mannigfach abweichender Weise. Man läßt z. B. durch Schneid- oder Reißwalzen den Stoff in dünne Späne zerteilen, während beständig Wasser darauf fließt, rührt die Späne in vieles Wasser ein, wobei schwerere Unreinigkeiten untersinken, während erstere schwimmen. Nach dieser kalten Reinigung oder auch ohne dieselbe wird der Stoff in irgend einer Weise heiß behandelt, von Walzwerken geknetet, in Blätter oder Fäden ausgezogen, gewaschen, in Knetmaschinen wieder verdichtet etc. und dann zu verkäuflichen Platten, Blättern, Röhren, Schnüren u. dgl. ausgewalzt oder gepreßt. Das Reinigen ist bei diesem Stoff die Hauptsache, aber auch das Schwierigste und ist an der Kaufware in sehr verschiedenem Grade gut oder schlecht ausgeführt; selbst die bestgereinigte G. hinterläßt aber, wenn sie aufgelöst wird, eine ansehnliche Menge fein zerteilter Unreinheiten. Durch langes fortgesetztes Kneten kann die Masse so verfeinert oder verdichtet werden, daß sie sich nachgehends recht gut auf der Drehbank bearbeiten läßt. Durch starke Pressung wird die Masse in ihrer Haltbarkeit ganz beträchtlich verbessert und wird erst dadurch zu Maschinenriemen, Sohlen auf Schuhwerk u. dgl. völlig geeignet. - Die rohe G. in Blöcken zeigt eine gelbrötliche oder gelblichweiße Färbung und eine holzähnlich faserige, schichtenweise Struktur. Durch fortgesetzte Bearbeitung im weichen Zustande mittels Kneten oder Walzen verliert sich das faserige Gefüge und die Masse wird ganz homogen und mehr oder weniger dunkelbraun. Diese Umwandlung erfolgt rascher und vollständiger in trockner Wärme, wie sie bei der Knetung mittels Maschinen angewandt wird. Auch die Formierung der Masse zu Platten, Blättern erfolgt immer nur auf trocknem Wege. Bis auf 60 Grad C. erwärmt, wird die Masse schon so weich, daß sie sich wie Wachs kneten und leicht in jede Form bringen läßt. Auf kochendem Wasser wird sie noch weicher und fadenziehend, nimmt aber auch dann noch beim Erkalten ihre vorige Beschaffenheit wieder an. Trocken bis zum völligen Schmelzen erhitzt, erleidet sie eine teilweise Zersetzung und kehrt eben so wenig wie Kautschuk in den normalen Zustand zurück.