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Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Hanf

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Hanf - Hanf

die geringste Kultur weiter, hat vielmehr, besonders wenn ihm zwei Jahre lang derselbe Standort gegeben wird, durch Erstickung allen Unkrautes den Boden ausgezeichnet gereinigt. Der männliche H. beginnt wie gesagt zuerst zu reifen und wird gezogen, wenn er anfängt die Blätter stark zu verlieren und die Stengel sich gelblich zu färben beginnen. Die Reife des Samenhanfs fällt gut 4 Wochen später und man läßt, ehe man ihn rauft, den Samen vollständig reif werden, wenn die Gewinnung desselben Hauptsache ist. Die Faser des Femmels ist nämlich bei weitem feiner und besser als die des Samenhanfs und beide werden daher stets getrennt gehalten. Ist es aber blos auf Gewinnung guter zum Spinnen geeigneter Faser abgesehen, so sät man den H. sehr dicht und zieht ihn noch vor der Reife auf einmal, also ohne Rücksicht auf Samengewinnung. Es ist dies die rationellste Art des Hanfbaues, wobei die Faser zur Zeit ihrer besten Qualität geerntet wird, während sie späterhin an Güte und Festigkeit wieder verliert und steifer und spröder wird. Die gezogenen Pflanzen werden ganz wie der Flachs entweder auf dem Felde oder im Wasser geröstet, gebrochen, geschwungen und gehechelt. Nach dem Brechen erfolgt in der Regel das Boken, d. i. eine Bearbeitung unter Stampfen oder im Kollergange. Die feinern Fasern, die von den dichtgesäeten und daher weniger kräftig gewachsenen Pflanzen sowie vom Femmel gewonnen werden, bilden den Spinn- oder Brechhanf; die starken verholzten Stengel der ausgereiften Samenpflanzen liefern dagegen gröbere nur zu Seilerarbeiten taugliche Fasern. Der durch Boken und kräftiges Ausschütteln vor Schäbe so viel als möglich befreite H. führt die Bezeichnung Reinhanf. In dieser Bearbeitungsstufe ist derselbe Handelsartikel. Gehechelt wird der H. in der Regel erst in den Spinnereien und Seilereien. Eine besondre wegen großer Reinheit geschätzte Sorte bildet der Schleiß- oder Pellhanf. Dieser entsteht durch Abziehen der Bastschicht von den holzigen Stengeln mit den Fingern und ist deshalb frei von Schabe. Er wird nach dem Schleißen noch abwechselnd mit leichten hölzernen Hämmern bearbeitet und mit der Hand gehechelt, um die Fasern möglichst zu isolieren. - Hanfbau kommt in vielen Gegenden Deutschlands vor, aber nicht immer für den Handel, sondern nur für den eignen Bedarf an Garn und Geweben. Die beste spinnbare Handelsware kommt als rheinischer H. aus den Oberrheingegenden, Baden, Elsaß, Rheinpfalz. Die Thäler des Schwarzwaldes produzieren ebenfalls ansehnliche Quantitäten für den Handel. Die Handelsplätze, welche das Produkt des Südwestens versenden, sind Freiburg im Breisgau, Straßburg, Heidelberg, Mannheim, Mainz, Frankfurt a. M. Was in Westfalen, Hannover, Thüringen, der Lausitz, im Würtembergischen etc. erbaut wird, bildet keine Ware des großen Verkehrs, sondern dient dem eignen Konsum. Einfuhr 1880 im Deutschen Reich 406891 Ztr. zu 24413000 Mill. Mk. Ausfuhr 235407 Ztr. zu 14124000 Mill. Mk. In Belgien wird Hanfbau stark betrieben und etwas H. ausgeführt, wogegen Englands eignes Erzeugnis nur unbedeutend ist und der meiste H. von außen zugeführt wird, von Rußland allein über 25 Mill. kg. Rußland bringt bei weitem die größten Mengen von H. an den Markt, wozu noch das Erzeugnis Polens und der preußischen Ostseeprovinzen kommt. In Rußland reicht der Hanfbau bis zum 60.° nördl. Breite; als beste Ware gilt die aus der Ukraine und Westrußland; doch breitet sich die Hanfkultur viel weiter aus und sind namentlich auch Livland und Kurland stark beteiligt. Der H. bildet einen der bedeutendsten russischen Ausfuhrartikel; die meisten seefahrenden Länder sind Abnehmer, da sich das nordische Produkt hauptsächlich für die Bedürfnisse der Schiffahrt und Fischerei eignet. Russische Versandplätze sind Riga, Petersburg, Reval, Libau, Archangel. Die Jahresproduktion Rußlands wird auf 100 Millionen kg geschätzt. Die deutschen Ostseeplätze, voran Königsberg und Danzig, versenden nicht bloß das Gewächs der preußischen Provinzen, sondern noch viel größere aus dem russischen und polnischen Hinterlande bezogene Quantitäten. Österreich erzeugt in seinen verschiednen Ländern etwa 100-110 Millionen kg, bedarf aber dabei noch fremder Zufuhr. In Ungarn, Galizien und Kärnten wird am meisten gebaut. Der beste ungarische kommt aus Peterwardein unter der Bezeichnung slavonischer; der „slowakische“ wächst in der Umgegend von Preßburg, der ebenfalls geschätzte „apathiner“ aus Zambor im Batscher Komitat. Die Hanfe aus Kärnten, Krain und Steiermark sind Marineware und nehmen ihren Ausgang über Triest. Rumänien liefert etwa 1600000 kg jährlich. Italien produziert etwa 90 Millionen kg und exportiert nach Frankreich, Spanien, Holland und England. Die schönste italienische Sorte, ausgezeichnet durch Reinheit, Feinheit, Weiche, Haltbarkeit und Länge, ist die Bologneser, sonst besonders als Schuhmacherhanf gesucht. - In den Vereinigten Staaten von Amerika und in Kanada endlich hat sich der Hanfbau so eingebürgert, daß diese Länder aus früheren Käufern Abgeber geworden sind, die eine starke Ausfuhr haben. Spanischer H. ist vorzüglich zu Tauwerk, bester von Orichuella. Seit etwa 30 Jahren versorgt hauptsächlich Neuseeland die englische Marine. Der H. wird nach Länge, Feinheitsgrad und Farbe, dann darnach, ob er roh gelassen oder mehr oder weniger gereinigt ist, in viele Handelssorten klassifiziert. Der Farbe nach hält man den silber- oder perlgrauen für den besten, den grünlichen für gut, während der gelbliche weniger, der braune oder überhaupt dunkelfarbige noch geringer geschätzt wird, weil derselbe möglicherweise überröstet ist oder in der Verpackung sich erhitzt haben kann, wiewohl es auch naturbraunen H. gibt. Derselbe muß den reinen und kräftigen Hanfgeruch haben; dumpfig riechende Ware ist jedenfalls verdorben. Im allgemeinen unterscheidet man Pasthanf, unrichtig auch Paßhanf genannt, ganz rohe Ware, mit der nach dem Brechen nichts weiter vorgenommen ist, und verschiedne Sorten Reinhanf, der schon geschwungen oder schon gehechelt ist. Man hat ganz, halb, mittelreinen, Ausschuß, kurzen und langen, Strähn-, Spinn- und Schusterhanf. Auch