Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Perlen

414

Perlen - Perlen

Hamburg und auf den Leipziger Messen werden auch Geschäfte in P. gemacht. Man taxiert und verwiegt die Ware nach Karaten ganz wie Edelsteine; was aber das Karat kosten soll, ist Sache des Übereinkommens und wird gewöhnlich unter Beziehung auf eine Probeperle bestimmt. In den Handel kommende ganze Perlenschnüre sind wieder mehr wert als die addierten Preise der einzeln taxierten Stücke, denn da es schwer hält und oft lange dauert, bis ein Kaufmann so viel gleichartige Stücke zusammen hat, daß sie eine Schnur geben, so muß dieses Sammeln und Assortieren natürlich auch und zwar sehr hoch vergütet werden.

Die vorhandenen größten P. haben Werte, die immer in die Hunderttausende gehen. Es existieren nur wenige solche Stücke im Besitz von Fürsten und Schatzkammern; diese sind also keine Kaufware und deren Preise, wie der Kaufmann sagt, nur nominell. Das aus 32 P. bestehende Kollier, welches die Kronprinzessin von Preußen als Brautgeschenk erhielt, hat ½ Million Franken gekostet. Die glänzendste Erscheinung der Neuzeit prangte auf der Londoner Ausstellung von 1862, ein Exemplar von 450 Karat oder über 100 g Gewicht. Nur die Perle kam ihr zuvor, welche einst in der Krone Philipps II. glänzte und von ihm mit 14000 Dukaten bezahlt wurde. Sie hat die Größe eines Taubeneies und gilt für die größte, die überhaupt jemals aus dem Meere gezogen wurde.

Zu den Perlenschätzen des Meeres kommt noch als ein sehr kleiner Beitrag das hinzu, was gelegentlich die Flußperlmuschel liefert, die in Flüßchen und Bächen des Festlandes gemäßigter Klimate, in Berg- und Hügelland ihren Wohnsitz hat. Die Flußperlmuschel ist ein ganz andres Tier, wie ihre Verwandte zur See, stellt eine genau um das Zwei- bis Dreifache vergrößerte Kopie der gewöhnlichen Flußmuschel dar und wird etwa 12-18 cm lang. Die Seemuschel dagegen hat eine halbrunde oder fast kreisrunde Form, ist handgroß und größer, am Rande ausgelappt und außerhalb von mehreren starken Rippen, die vom Schloß nach dem Rande zu verlaufen, durchzogen. Die Flußperlmuschel ist ohne Zweifel ursprünglich sehr verbreitet gewesen; im sächsischen Voigtlande und in Bayern, hier besonders in Oberfranken und im Bayerischen Wald, nordwestlich von Passau, wird das Tier seit langen Zeiten gehegt und die Ausbeute an P. und Perlmutter gehört zu den Regalien. -

In den Flüssen Schottlands, besonders im Tay und Isla und in verschiednen Seen lebt die Perlmuschel ebenfalls; die schottischen Perlen waren während des Mittelalters durch ganz Europa berühmt und noch vor hundert Jahren wurden für mehr als 180000 Mk. jährlich gefischt. Später verfiel die Industrie, bis sie 1860 der deutsche Juwelenhändler Unger in Edinburg wieder wachrief. Er versprach für gefundene P. sehr gute Preise und veranlaßte dadurch eine wahre Völkerwanderung nach den Flüssen, die auch nicht ohne Erfolg blieb, denn 1864 hatte Unger schon an 210000 Mk. für überbrachte P. zu bezahlen. Nachdem aber alle erreichbaren Muscheltiere den Gewässern gierig entrissen und diese nach P. durchsucht waren, hatte die Sache ein ebenso rasches Ende und man hat dort entweder jetzt die völlige Ausrottung, oder einen Zustand, der nur in langen Zeiten durch rationelle Wirtschaft wieder gebessert werden kann. -

In Kalifornien wurde seiner Zeit die Entdeckung gemacht, daß der Fluß Colorado mit seinen Nebenflüssen die Flußpermuschel ^[richtig: Flußperlmuschel] in großen Mengen beherberge. Die alsbald sich entwickelnde freie Ausbeutung wird wohl jetzt schon reine Wirtschaft gemacht haben. Man hat dort wie überall Schlechtes und Mittelmäßiges und einige ausgezeichnete Stücke, bis zur Größe von Büchsenkugeln, gefunden. -

In Bayern beläuft sich die jährliche Ausbeute auf etwa 3600 Stück P., im Werte von dreimal so viel Mark, und unter dieser Zahl befinden sich etwa 200 Stück erster Klasse, die reine Farbe und schönen Glanz haben. -

Am nachhaltigsten hat Sachsen die Perlmuschelzucht in der Weißen Elster im Voigtlande gepflegt, denn sie wurde bereits 1621 vom Kurfürsten Johann Georg I. zum Regal erhoben. Die Mitglieder einer und derselben Familie sind seitdem die Aufseher des in zehn Reviere eingeteilten Distrikts der Elster und der zugehörigen Bäche, von denen alljährlich ein Distrikt abgesucht wird. Der dortige Perlenertrag hat im Laufe der Jahre wohl viele Tausend Mark abgeworfen; indes stellt sich der jährliche Ertragswert doch nur auf 450-15000 Mk., wozu aber noch die Perlmutter kommt. Es werden im Durchschnitt jährlich etwa 700 alte und ausrangierte Muscheln verkauft. Die Tiere sollen nach der dort gebildeten Meinung 100-200 Jahre alt werden können. Diese P. werden ihrem Werte nach klassifiziert in helle, halbhelle, Sand-, angewachsene und verdorbene P. Der Farbe nach unterscheidet man aschgraue, rötliche, bläuliche und milchfarbene. Die schönste Sammlung voigtländischer P. bildet ein Kollier, das 1805 zusammengesetzt worden und ein Bestandteil der Sammlungen des Grünen Gewölbes in Dresden ist. Sein Wert ist etwa 9000 Mk. -

Alle P. haben übrigens den natürlichen Mangel, daß ihre Schönheit sich mit der Zeit abmindert, wie es von einer teilweise tierischen Substanz auch kaum anders zu erwarten ist. Alte P. gegen frische stechen daher auffällig zu ihrem Nachteil ab. -

Die Kunst der Imitation ist vor der Nachahmung der P. nicht zurückgeschreckt; abgesehen von andern nicht erwähnenswerten Produkten ist es die in Frankreich erfundene Methode zur Herstellung unechter P., welche prächtige und fürs Auge höchst täuschende Produkte liefert. Es sind die von Glas geblasenen Hohlkügelchen, deren Innenwand mit der sog. Perlenessenz ausgekleidet ist, einem feinen silberigen Pulver, das in umständlicher und subtiler Weise aus den Schuppen von Weißfischen präpariert wird. Der übrige Hohlraum ist dann mit Wachs ausgegossen. Diese Fabrikate sind natürlich als eine leichte und sehr zerbrechliche Ware nur zur Augentäuschung geschaffen; aber diese bewirken sie, namentlich bei Lampenlicht, auch vollkommen. Am schönsten werden sie in Paris gemacht, außerdem in Straßburg, Schwäbisch-Gmünd, Wien, Venedig u. a. O. -

Echte P., ungefaßt, gem. Tarif im Anh.