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Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Seide

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Seide - Seide

Die Exportziffern sind sehr schwankend; auch soll gegen früher eine Abnahme der Produktion eingetreten sein. -

Die Türkei hat Seidenbau in Thessalien und Macedonien, Kleinasien, auf Kandia und Cypern. Die S. von dort gehört herkömmlich zu den gröbern Sorten; es kommt aber auch feine Ware an den Markt, die sich neben der chinesischen und italienischen zeigen darf. Die beste ist die von Demirdask aus der Umgegend von Brussa in Kleinasien, dem alten Sitze der orientalischen Seidenindustrie. Durch sorgfältige Auswahl der Kokons und ebenmäßiges Haspeln wird eine hochwertige Ware erzeugt, deren besondere Helle und Glanz dem dortigen guten Wasser zugeschrieben wird. -

Eine ganz ansehnliche Stelle unter den Seidenbauländern nimmt Ägypten ein. -

In Persien herrscht Seidenbau in fünf Provinzen, doch scheint die Seidenkultur, nach den Exportziffern zu beurteilen, im Abnehmen begriffen. Die Qualität ist nach den Provinzen verschieden; die beste gewinnt man in der Provinz Ghilan. Nach Persien ist nie eine Raupenkrankheit gekommen; auch verzärtelt man dort die Tiere durchaus nicht, denn die Zuchtanstalten sind lediglich 3-4 Stock hohe Bretterhütten, die Wind und Wetter offen stehen; die ganze Sorge beschränkt sich auf das Füttern. Die persische Produktion für 1876 betrug 310000 kg, für 1878 200000 kg Rohseide; Hauptabnehmer sind England und Rußland, zu einem kleineren Teil Frankreich. Was sonst noch in Griechenland, Syrien etc. an S. erzeugt werden mag, geht mit der übrigen levantischen S. -

In Europa sind die Hauptproduktionsländer für S. Italien und Frankreich. In Italien erblühten Seidenbau und Seidenmanufaktur, aber nur der erstere hat sich erhalten, während die andre bis auf einige glatte Stoffe nicht mehr besteht und französischen und englischen Waren gewichen ist. Italien erzeugte in guten Zeiten durchschnittlich für 250 Mill. Frcs. S., bis 1857 die Seuche einbrach und den Ertrag auf einen kleinen Bruchteil herabdrückte. Durch die Einführung japanischer Grains haben sich indes die Zustände in letzter Zeit mit jedem Jahre gebessert und es werden jetzt durchschnittlich in guten Jahren zwischen 2-3 Mill. kg Rohseide gewonnen. Jahre mit 1 Mill. kg Produktion, ja selbst darunter, sind aber nicht selten. In Italien sind die hauptsächlichen Seidenbaudistrikte die Lombardei und Venetien, besonders die Umgegend von Verona, Welschtirol, die Marken, Toscana, Piemont, weniger die südlichen Provinzen. -

In Frankreich ist der Süden und Südosten der Sitz des Seidenbaues. Man erntet dort gegenwärtig in guten Jahren 700000-850000 kg., in schlechten 150 bis 250000 kg Rohseide aus 11-12½ Mill. kg Kokons. In den Jahren 1846-53 betrug die jährliche Produktion an Kokons etwa 28 Mill. kg. Lyon ist dort der Hauptmarkt für eigene und fremde Produkte und vertreibt außer französischer auch italienische, levantische, bengalische, chinesische und japanische S. Von chinesischer Ware geht das meiste direkt nach England, um dort im großem Maßstabe verarbeitet zu werden, während England seine Bezüge an italienischer S. zum größten Teil über Frankreich macht. -

Spanien und Portugal sind unbedeutend in ihrer Seidenerzeugung; eher verdient noch das letztere Erwähnung. -

In der Schweiz hat nur der Kanton Tessin einen erwähnenswerten Seidenbau. -

In Deutschland hat es an Anregung und Belehrung über den Gegenstand nicht gefehlt; die ältesten der betreffenden Druckschriften gehen über 100 Jahre zurück. Bedeutende Erfolge können infolge der ungünstigen klimatischen Verhältnisse nicht erwartet werden. Die deutsche Seidenproduktion kommt für den Markt gar nicht in Betracht. -

Die Seidenproduktion des südlichen Europa hat, wie schon erwähnt, einen argen Stoß erhalten durch die Ausartung des Seidenwurms und sein massenweises epidemisches Hinsterben. Verschiedne Krankheiten des Tieres sind immer beobachtet worden und es ist auch keine neue aufgetreten, aber eine und die andre haben sich zu Seuchen entwickelt, zuerst im Rhonethal, von wo sich das Übel rasch über Frankreich und Italien verbreitete. Die Hauptkrankheit wird Gattine oder öfter Pebrine genannt, von dem Provinzwort pébré, gepfeffert, weil sich im infizierten Schmetterling, in der Raupe und schon in den Eiern eine Menge kleiner fremder Körperchen erkennen lassen als sicheres Zeichen des Untergangs. Glücklicherweise fand man in der Zucht aus japanischen Grains vom Maulbeerspinner einen Ausweg. Hierdurch haben Frankreich und Italien ihren Seidenbau wieder zu gesunden Zuständen zurückgeführt, freilich unter der Bedingung, alljährlich neue Grains beziehen zu müssen, denn die Fortzucht im Inlande ergibt sogleich einen bedeutenden Rückschlag in Qualität des Produktes und Sicherheit des Erfolges, da die Nachkommen leicht absterben. Es hat sich demnach ein bedeutendes Geschäft in Grains zwischen Japan und dem südlichen Europa entwickelt. Früher war die Ausfuhr von Grains aus Japan bei Todesstrafe verboten; die ersten Partien für Europa konnten nur in waghalsiger Weise beschafft werden. Bei dem jetzt freien Handel schätzt man die Ausfuhr auf 2 Mill. Kartons. Der Karton gilt in Japan 5-6 Franken; 2-3 Franken kommen als Transporkosten ^[richtig: Transportkosten] hinzu und in Europa werden sie mit 13-20 Franken verkauft. Die Kokons der japanischen Zucht sind grünlich und kleiner als gewöhnlich, aber schwer und von guter Qualität. Es wird auch sehr über unechte, untergeschobene Grains geklagt, die entweder gar nicht japanischen Ursprungs sind oder, wenn dies der Fall, aus den besondern Racen bivoltini und trivoltini bestehen, d. h. solchen, die sich 2- und 3mal im Jahre vermehren. Diese Schnellleber machen nur schlechte schwache Kokons oder ganz monströse, unbrauchbare Gespinste. Die große Empfindlichkeit der Seidenraupe, namentlich aber das heftige Auftreten der Seuchen sind Veranlassung gewesen, Versuche mit der Zucht andrer, gegen klimatische Einflüsse widerstandsfähigerer und noch nicht von Krankheiten befallener, spinnender Raupen anzustellen. Wesentliche Erfolge hat man damit in Europa nicht erzielt, obgleich verschiedne der eingeführten Raupen in ihrem Heimatlande ein