Handbuch der Drogisten-Praxis

Gustav Adolf Buchheister, Verlag von Julius Springer, Berlin, 3. Auflage, 1893

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Olea äthérea, ätherische Oele.

Gruppe XVIII.

Ólea äthérea, ätherische Oele.

Zu dieser für den Drogenhandel so überaus wichtigen Gruppe gehören eine zahlreiche Menge von Körpern, welche sich häufig nur in ihren physikalischen Eigenschaften gleichen, während sie ihrer chemischen Natur nach höchst verschieden sind. Wir verstehen dem Sprachgebrauch nach unter "ätherischen Oelen" diejenigen flüchtigen Körper, welche den Pflanzen oder den Pflanzentheilen den Geruch verleihen. Diese Stoffe lassen sich gemeiniglich durch Destillation mit Wasser oder Wasserdämpfen aus den betreffenden Pflanzentheilen darstellen und isoliren. Sie zeigen dann den charakteristischen Geruch der Pflanzen in verstärktem Maße. Nur bei einzelnen Blüthen von besonders feinem Geruch, wie Veilchen, Lindenblüthe, Jasmin etc. etc., deren Duft entschieden doch auch auf einem Gehalt an ätherischem Oel beruht, giebt die Destillation kein Resultat. Hier müssen andere Wege eingeschlagen werden, welche wir später, bei der Bereitung der ätherischen Oele, besprechen werden.

Die ätherischen Oele finden sich bald in der ganzen Pflanze vertheilt, bald nur in einzelnen Theilen, wie Blüthen, Wurzeln, Schalen etc.; häufig sind sogar in den verschiedenen Theilen der Pflanzen ganz verschiedene Oele enthalten, welche in der Zusammensetzung und im Geruch gänzlich von einander abweichen. Bodenbeschaffenheit und Temperatur sind ebenfalls von grossem Einfluss auf die Güte des Oeles.

Vom pflanzenphysiologischen Standpunkte sind die ätherischen Oele als Ausscheidungsstoffe zu betrachten, welche mit der Ernährung der Pflanze und dem Wachsthum nichts mehr zu thun haben. Im Gegentheil wirken sie, in wässeriger Lösung den Pflanzen zugeführt, selbst denen, welchen sie entstammen, schädlich. Ihren äusseren Eigenschaften nach lassen sie sich etwa folgendermaßen charakterisiren. Sie stellen bei mittlerer Temperatur, mit wenigen Ausnahmen, Flüssigkeiten dar, welche vielfach stark lichtbrechend und im reinen Zustände grösstentheils nur schwach, gefärbt erscheinen. Hiervon giebt es nur wenige Ausnahmen, wie das tiefblaue Kamillenöl, das grüne Wermuthöl, das braune Kalmusöl und einige andere.

Einige, wie das Veilchenwurzelöl, das Arnicablüthenöl, sind auch noch bei einer höheren Temperatur als 15 ° fest, das heisst salbenförmig, und einige andere Stoffe, welche ihrer chemischen Natur nach ebenfalls zu den ätherischen Oelen zu rechnen sind, die sog. Kampherarten, bleiben selbst bei noch höherer Temperatur fest. Bei niederen Temperaturen scheiden sich zahlreiche ätherische Oele in 2 Theile, einen festen, das sog. Stearopten und einen flüssigen, das Elaeopten, welches selbst bei grossen Kältegraden nicht erstarrt. Die Temperatur, bei welcher diese Scheidung erfolgt, ist bei den verschiedenen Oelen eine sehr ungleiche; auch