Abhandlung von der Stadt Ulm

Bruder Felix Fabris, Druck der Buchdruckerei von Heinrich Frey, Ulm, 1909

Nach der Ausgabe des litterarischen Vereins in Stuttgart verdeutscht von Professor K. D. Haßler.

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eines Klosters des heiligen Kreuzes vom Orden des hl. Benedikt auf dem Berg neben der Pfarrkirche, um so, nachdem sie ein Pfund, nämlich das Kreuz, empfangen, ihr Pfund nicht nur doppelt, sondern dreifach zurückzugeben, 1) nämlich ihre Seelen für den reinen Glauben, ihre Körper für die heilige Stadt Jerusalem und ihr zeitliches Vermögen für das Grab des Herrn und das heilige Kreuz, insofern sie in den überseeischen Gegenden die (pag. 175) Lästerer des Kreuzes mit dem Schwert töteten und zugleich in ihren Gegenden die Verehrer des Kreuzes zu größerer Liebe zum Kreuz durch den Bau eines Klosters veranlaßten. Als nun die heilige Stadt Jerusalem durch die Unsrigen befreit und die genannten Grafen gesund und wohlbehalten zurückgekehrt waren, erfuhren sie von den Baumeistern, daß der Bau auf dem genannten Berg sich nicht halten und kein großes Gebäude wegen der sandigen Beschaffenheit des Berges stehen bleiben könne. Darum hielten sie einen Rat und legten den Grund für das Kloster an der Stelle, wo es durch die Gnade Gottes heute steht; und nicht lange nachher spaltete sich der Berg, auf dem sie den Bau angefangen hatten, und ein Teil der Kirche, (welche, wie die Steinmetzarbeit zu beweisen scheint, im Jahr des Herrn 444 erbaut worden war), stürzte mit einem Teil des Kirchhofs jählings zusammen. Als hierauf weiter hinabgegraben wurde, fanden sich noch menschliche Gebeine, die zugleich mit der Erde hinabrutschten. Denn fortwährend rutscht dieser Berg, daher sagen alte Bauern, er set noch zu ihren Zeiten viel breiter gewesen als jetzt. Darum war nach verständigem Rat die Verlegung des Klosters an eine andere Stelle vorgenommen worden. Ich glaube jedoch, wenn die Verleger gewußt hätten, was jetzt die Väter des Klosters erfahren, daß sie auch an dieser Stelle das Kloster nicht gegründet hätten; denn der Fluß Iller, der zur Zeit der Gründung weit vom Kloster entfernt mitten durch die Fluren herabkam, durchbrach sein altes Bett, wälzte sich im Laufe der Zeit bis an die Mauer des Klosters mit Getöse heran und reißt nun beständig wie ein Räuber und Dieb Land vom Garten weg und dringt bisweilen wie der grausamste Feind in das Kloster selbst ein. Und wenn nicht das heilige Kreuz stehen bleiben wollte und dem reißenden Strom in den Weg träte, so wäre das Kloster selbst längst ganz zerstört worden. Als daher eines Tages eine Überschwemmung um sich griff, flehten die Brüder von jeglicher menschlichen Hilfe verlassen mit gebogenen Knien und gen Himmel gestreckten Händen die Hilfe Gottes und des heiligen Kreuzes inbrünstiger an, und alsbald erschien als Beistand ein Himmelsbewohner, der gegen das Wasser mit dem Kreuze vorging und die Fluten mächtig von den Mauern zurücktrieb. Als nun das Kloster gegründet war, beschenkten diese ruhmreichen Herren Otto und Hartmann es selbst mit vielen zeitlichen Gütern ringsum, indem sie auf alle ihre Rechte über dergleichen Güter zu Gunsten des Klosters frei verzichteten. Das Kloster selbst übertrugen sie gar demütig dem Papst Urban II dieses Namens, indem sie auf ihre und ihrer Nachfolger Rechte im Ganzen und im Einzelnen rein und aufrichtig verzichteten (pag. 176). Dies nahm der Papst dankbar an und legte zur ewigen Erinnerung an diese Schenkung dem Kloster auf, daß sie alle Jahre einen zwei Unzen schweren goldenen Dukaten nach Rom in den Schatz des Papstes schicken sollen. Die genannten Grafen Otto und Hartmann aber sorgten mit allem Eifer dafür, daß auch ihre Nachkommen keine Gelegenheit fanden, den Ort zu beschweren und Recht über ihn zu suchen. Daher hinterließen sie einfach ihre Namen, ohne die Benennung der Herrschaft und des Geschlechts zu schreiben,

1) Vgl. Luc. 19, 12 f.