Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Abhandlung von der Stadt Ulm

Bruder Felix Fabris, Druck der Buchdruckerei von Heinrich Frey, Ulm, 1909

Nach der Ausgabe des litterarischen Vereins in Stuttgart verdeutscht von Professor K. D. Haßler.

122

sich an eine Reformation dachte. Und weil sie voraus wußte, daß sie von ihren Oberinnen keine große Hilfe hiebei haben werde, ging sie darauf aus, daß sie ihr wenigstens kein Hindernis bereiten. Daher fing sie als kluge Jungfrau, die ihre Lampe brennend erhielt, die Sache scharfsinnig allmählich auf diese geschickte Weise an. Zur Zeit der Sonnenhitze befahl sie ihrem Knechte einen Wagen anzuspannen und verließ, wie wenn sie zum Vergnügen einen Ausflug machen und in ein Bad gehen wollte, mit einer Schwester (pag. 181) und Dienerin das Kloster: sie fuhr in weit entfernte Gegenden und besuchte die Frauen- und Männerklöster ihres Ordens, indem sie zu sehen wünschte, ob einige den gleichen Wunsch haben, wie sie. Sie fand aber einige reformierte Klöster; in diese wurde sie eingelassen und bemerkte und schrieb sich alles auf, was zur Zucht gehörte. Und als sie mehrere Klöster von ihrem und anderen Orden durchforscht hatte, kehrte sie voll guter Hoffnungen in ihr Kloster zurück, wie wenn sie im Bade sich länger aufgehalten hätte und geheilt zurückgekommen wäre. Sie tat aber nichts anderes als daß sie junge, unschuldige Mädchen an sich zog und öfters beeinflußte, zur Flucht aus der Welt bewog, ihnen die Benützung des Rades 1) untersagte und nie mehr vor die Augen der Leute zu kommen erlaubte und die Mädchen die sie aufnahm, zu derselben Beobachtung der Ordensregel brachte, indem sie ihren Freunden und Eltern erklärte, daß sie sie nie mehr sehen werden. Die älteren Schwestern aber ließ sie unberührt und erlaubte ihnen zu tun, was sie gewöhnt waren, und hielt so als vorsichtige Frau die Mitte zwischen diesen und jenen, daß sie in einigen Jahren in Frieden und Ruhe sich befanden, und in dieser Zeit wuchs die Zahl der Jungen und die Herzen der Alten wurden erweicht, so daß alle zumal in einer Sehnsucht nach der reinen Ordensregel und weltlichen Abschließung eifrig trachteten. In dieser Erwägung ließ die ehrwürdige Frau an einem passenden Tage Zimmerleute, Wagner, Maurer und andere Handwerker kommen und verschloß alle Öffnungen des Klosters, indem sie die Pförtchen und Fenster ringsherum verrammelte, die Gitter des Sprachzimmers mit eisernen Platten verkleidete und die Räder befestigte, versah die Tore mit den festesten eisernen Schlössern und Riegeln und erhöhte die Mauern des inneren Klosters so sehr, daß ich keine so hohen Mauern in irgend einem Kloster gesehen habe. Aber auch den äußeren Hof, der früher mit einem Zaun umgeben war, schloß sie mit einer Mauer ab und brachte so sich und die Ihrigen in göttliche Gefangenschaft. Dies alles vollbrachte die kluge, jungfräuliche Herrin ohne Unruhe und ohne Berufung von Reformatorinnen; denn sie selbst, die man hätte reformieren müssen, waren die eifrigsten Reformatorinnen der Sitten sowohl als der Mauern und erlangten einen solchen Ruf der Frömmigkeit, daß Ihresgleichen Schwaben (pag. 182) nicht hat. Es strömten aber ihnen zu viele fromme Töchter der Edlen und der Bürger von Ulm, Biberach und andern Orten, und das Kloster wurde geehrt und berühmt. Es starb aber die genannte ehrwürdige Frau im Jahr des Herrn 1480, während ich am Grabe des Herrn in Jerusalem mich befand. Als ich aber von ihrem Hingang hörte, ward ich von nicht geringer Trauer und Kummer ergriffen; denn sie war mir in dem Herrn sehr befreundet als geistliche Mutter und Tochter in Christo. Durch ihre Verdienste ist es ohne Zweifel geschehen, daß nach ihr die Nachahmerin ihres Lebens und ihrer Sitten Agnes Sutterin gewählt wurde, eine sonderlich fromme und der Verstorbenen so ähnliche Frau, daß es nicht leicht ist, zwischen der Vorgängerin und Nachfolgerin zu unter-^[folgende Seite]

1) Veesenm.: Die rota (Rad) ist eine Drehscheibe zum Verkehr des Klosters mit der Außenwelt.