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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Bauformen

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Mittelasien. - Babylonier. Assyrer. Chaldäer.

mit einem Tempel und ein freistehendes Gebäude, vielleicht eine Versammlungshalle. Im ganzen zählte dieser (assyrische) Palast über 200 Gemächer und Wandelgänge und etwa 30 Höfe.

Es zeigt sich hierbei, daß die Semiten nicht so verbissene Anhänger des Grundsatzes der "Regelmäßigkeit" waren, wie die Aegypter. Die ganze Anordnung der Räume und Höfe ist zwar im Sinne der Zweckmäßigkeit, aber sonst eine völlig freie. Jede Seite ist anders gestaltet; einige Teile springen vor, andere zurück, kurz, es herrscht eine große Mannigfaltigkeit, und der Grundriß stellt keine regelmäßige Figur dar. Daß diese Gestaltung der Anlage nicht durch Platzrücksichten bedingt war, ist klar; ob nun "künstlerische" sie bestimmten - man durch die Mannigfaltigkeit einen gefälligen, "schönen" Eindruck erzielen wollte - läßt sich freilich nicht erweisen, aber daß man solche überhaupt vermuten kann, gereicht den Erbauern schon zur Ehre. Der bewegliche semitische Geist war der Gleichförmigkeit und Eintönigkeit abhold und liebte Abwechslung.

Bauformen. Auch hinsichtlich der Bauformen zeigen die Babylonier-Assyrer einen Fortschritt; sie kannten die Wölbung und wandten die Rundbogenform mit Vorliebe an. Hier muß ich nun vorerst von den Baustoffen sprechen. Der Natur des Landes gemäß wird in den ältesten Zeiten zwar auch der Holzbau vorwiegend gewesen sein, wahrscheinlich aber ziemlich gleichzeitig die Verwendung des Lehms stattgefunden haben. Schon bei den frühesten Bauten sind die Wände teils aus festgestampftem Thon, teils aus Lehmziegeln hergestellt. Die Erzeugung von Backsteinen gedieh bald zu hoher Vervollkommnung, und diese bildeten nun den hauptsächlichsten Baustoff. Stein war wohl in dem nördlichen Bergland zu finden, aber immerhin in weiterer Entfernung, als in Aegypten; und im babylonischen Reiche stand offenbar nicht jene sklavische Menschenmasse zur Verfügung, wie im Nillande. Der ausgedehnten Verwendung von Stein stand die Kostspieligkeit der Herbeischaffung im Wege, und so wurde dieser Baustoff nur zu Zierzwecken benutzt.

Der Backstein hat nun zwar den Nachteil der geringeren Haltbarkeit, dafür bietet er manche andere Vorteile, es lassen sich mit ihm die Formen leichter und mannigfaltiger gestalten. Deshalb konnten auch die Babylonier zur Erfindung der Wölbung und des Rundbogens - sowie der Giebelform - gelangen. Sie verwandten dabei keilförmige Ziegel und brachten Wölbungen bis zu 2 m Spannweite zu stande. (Selbst Spitzbogen wurden ausgeführt.) Große Säle vermochten sie freilich nicht zu überwölben und bei diesen wurde die Decke daher aus Holz aufgeführt; besonders große Räume waren nur rings an den Seiten eingedeckt, während die Mitte deckenlos blieb. Bemerkenswert ist nämlich, daß die Chaldäer weder Pfeiler noch Säulen als Deckenstütze anwandten; wenigstens nicht in erheblichem Maße.

Die Erklärung dafür scheint mir ziemlich einfach zu sein. Die ältesten Bauten waren kleineren Ursprungs, und da reichten Holzstämme völlig zur Eindeckung aus; diese bedurften auch keiner weiteren Unterstützung in der Mitte, welche bei den schweren Steinbalken der Aegypter nötig wurde. Auch gab es hier im Euphratlande keine in natürlichem Fels ausgemeißelten Höhlenräume, bei denen Pfeiler gleichfalls nötig waren. Dazu kam dann die Erfindung des Wölbens, welches auch die Säulen in mancher Hinsicht entbehrlich machte. Wir sehen solche, sowie Pfeilergebilde nur als Außenschmuck verwendet, zur Gliederung der Wandflächen, und ich möchte glauben, daß sie überhaupt erst später unter fremdem Einflüsse aufkamen. Sicher ist, daß die Chaldäer keine besonderen eigentümlichen Säulenformen ausbildeten. Bei den wenigen erhaltenen Wandsäulen besteht das Kapitäl aus zwei übereinander liegenden Schneckengliedern (Voluten). - Erwähnt habe ich, daß die Wölbungen und Bogen mit keilförmigen

^[Abb.: Fig. 40. Fußbodenplatte aus Kujundschik.

Das Schmuckwerk mit geöffneten und geschlossenen Lotosblumen, Rosetten und Palmetten wahrscheinlich nach Teppichmustern gebildet.]