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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Fehlen der Perspektive; Mangel an Standbildern

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Mittelasien. - Babylonier. Assyrer. Chaldäer.

fehlte eben hier der Zwang, welcher bei den Aegyptern vorlag, und so berücksichtigten die Künstler die mehr allgemeinen Züge. (S. als Beispiel Fig. 44.)

In der Gestaltung der Gliedmaßen tritt richtige Beobachtung und Verständnis für den Körperbau zu Tage; insbesondere sind die Muskeln gut herausgearbeitet, auch die Bewegungen der Natur entsprechend dargestellt. Der nackte Körper wurde nicht nachgebildet - die Gestalten erscheinen bis auf Arme und Beine bekleidet - und so kann man nur, insoweit die Gewandung die Körperformen in Umrissen erkennen läßt, noch sagen, daß auch das Verständnis für das richtige Verhältnis der Teile zum Ganzen vorhanden war. Eine treffliche Auffassung zeigt sich bei den Tiergestalten, sowohl hinsichtlich der ganzen Erscheinung wie der Bewegung; so sind beispielsweise Löwen musterhaft wiedergegeben.

Mangel an Standbildern. Auffallend ist die große Seltenheit an freien Standbildern oder Rundbildern. Ich sehe die Erklärung dafür in dem Umstande, daß die Bildnerei hauptsächlich für Innenräume zu arbeiten hatte, wofür Flachbildwerke sich besser eigneten, daraus ergab sich natürlich auch, daß die Künstler keine Fertigkeit in Darstellung von Freifiguren erwerben konnten. Nur als Thorwächter scheinen solche häufiger verwendet worden zu sein, und zwar in der bekannten eigentümlichen Gestalt geflügelter Stierkörper mit Menschenköpfen.

Diese Gebilde - welche sonst als hocherhabene Flachbildwerke vorkommen, wobei oft der ganze Vorderkörper heraustritt - sind in mancherlei Hinsicht bezeichnend für die chaldäische Kunst. So ist beachtenswert, daß sie mit fünf Füßen versehen sind, damit der Beschauer sowohl von der Seite her wie von vorne stets auch vier Füße sehe und so die Naturtreue gewahrt bleibe. Die Verwendung von Flügeln, um über das Menschliche hinausragende Gestalten zu kennzeichnen, zeugt von Einbildungskraft. Diese Beflügelung ist übrigens für die Semiten kennzeichnend, sie findet sich auch bei den Israeliten, von denen wir unsere Flügel-Engel übernommen haben. Jedenfalls erscheint sie ansprechender, als die ägyptische Art, Götter durch Aufsetzen von Tierköpfen auf Menschenleiber zu bezeichnen. Daß die chaldäische Kunst in dem Stierleib den vollsten Ausdruck der Kraft und Stärke fand, während die Aegypter den Löwenleib verwendeten, läßt sich einfach aus den Verhältnissen erklären: die Semiten in dem wohlbebauten Euphratlande hatten mehr Hochachtung vor dem nützlichen Haustiere als Furcht vor dem Wüstentier. Es kommen jedoch auch Zusammensetzungen aus Mensch, Stier und Löwe vor, wie Fig. 42 zeigt, wobei den Stierleibern Löwenfüße gegeben wurden.

Fehlen der Perspektive. Die Gesetze des Räumlichsehens (Perspektive) und somit auch eine diesem entsprechende Darstellungsweise wurden auch von den Chaldäern nicht erfaßt, und so

^[Abb.: Fig. 42. Geflügelter Stier mit Menschenhaupt und Löwenfüßen.

Aus Khorsabad. London, Brit. Museum. (Nach Photographie von Mansell).]