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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die hellenische Kunst

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Die hellenische Kunst.

Bei den dreieckigen Giebelflächen steigt daher diese "Kopflinie" von den Ecken bis zur Mitte an. Dadurch ergaben sich allerdings manche seltsame Mißverhältnisse, welche aber die späteren Künstler trefflich zu beseitigen verstanden.

Färbung. Auch die Flachbildwerke wurden gefärbt, jedoch nur zu dem Zwecke, um die einzelnen Teile von einander zu scheiden, nicht aber um die natürliche Farbe wiederzugeben. Die Ausgrabungen auf der Akropolis zu Athen haben Ueberreste des älteren, von den Persern zerstörten Parthenon zu Tage gefördert, bei denen die Farbe noch gut erhalten war. Diese Bemalung war nun höchst merkwürdig: rote Leiber, blaue Haare, grüne Augen; ein blauer Stier hat einen roten Schwanz.

Die Standbilder. Die freien Standbilder dieser Zeit erscheinen noch steif. Bei diesen läßt sich am besten erkennen, wie die Bildnerei aus der Holzschnitzerei sich entwickelte. Aus dem runden Holzstamme konnte man keine bewegte Figur schnitzen; es waren daher die Beine geschlossen und die Arme an den Körper gepreßt. Daß die Augen geschlossen waren, deutet vielleicht darauf hin, daß die Standbilder Tote vorstellen sollten; dem entspräche die steife Haltung der Gliedmaßen natürlich noch mehr.

Die griechische Sage verknüpft mit dem Namen des Daidalos den Fortschritt, Beine und Arme gelöst und auch zuerst offene Augen gebildet zu haben. Immerhin behielten zunächst noch die Arme die gerade herabhängende Haltung und die Füße die Parallelstellung bei, und erst allmählich kam man dazu, mehr Leben in die Gestalt zu bringen, indem die Arme etwas gebogen, die Faust geöffnet, der eine (linke) Fuß vorgesetzt wurde. - Durch die Oeffnung der Augen verlor das Gesicht wohl das Aussehen einer Totenmaske, es erhielt aber einen lächelnden Ausdruck, den die Figuren der älteren Zeit aufweisen, selbst wenn sie Sterbende darstellen. Das Festhalten an diesem "lächelnden Zug" müßte befremdlich erscheinen, wenn man nicht annimmt, daß auch bei den Griechen, obwohl sie sonst der künstlerischen Entwicklung viel Freiheit ließen, schon frühzeitig sich gewisse "Stilgesetze" ausbildeten, und somit dieser Gesichtsausdruck gewissermaßen durch einen Kunstlehrsatz bedingt war. (S. Fig. 93.)

Der Zug ergab sich aus den weichen rundlichen Formen, welche im Allgemeinen die Bildnerei dieser Zeit kennzeichnen: die Gestalten erscheinen vollfleischig, nicht muskelkräftig. Dies tritt natürlich deutlicher bei den nackten Jünglingsfiguren hervor, welche schon eine weitere Entwicklungsstufe darstellen. Zuerst hatte man bekleidete Figuren gebildet, was ja

^[Abb.: Fig. 104. Der Speerträger des Polyklet.

Marmornachbildung. Neapel, Museo Nazionale.]