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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Altchristliche Kunst

187 ^[Seitenzahl nicht im Original]

Altchristliche Kunst.

Umbildung der antiken Kunst. In den ersten Jahrhunderten n. Chr. hatte die Kunst keine volkliche Eigenart mehr; es gab nur eine allgemeine "antike" Kunst, in welcher die verschiedenen Sonderheiten aufgegangen waren. Darin lag etwas Unnatürliches, denn für die Kunst ist der Zusammenhang mit Volk und Boden eine Bedingung des Lebens und der Entwicklung. So lange im römischen Reiche überall eine Gesellschaftsschichte bestand - und zwar als herrschende -, welche römische Art und Geistesrichtung besaß, hatte diese antike Kunst eine Grundlage.

In dem Maße, als jene römische Gesellschaft ihre Bedeutung einbüßte und verschwand, ging auch diese Grundlage verloren und mußte die Kunst eine Umbildung erfahren je nach den neuen volklichen Einflüssen, die sich nunmehr geltend machten. Nur eine Umbildung, nicht aber Vernichtung, denn dazu war die antike Kunst zu hoch und stark entwickelt. Sie blieb vielmehr noch im Grunde bestimmend für eine lange Folgezeit.

Auf ihr fußt die abendländische Kunst, welche man als "altchristliche" und "frühmittelalterliche" bezeichnet, die morgenländische des byzantinischen Machtbereiches, und selbst an der islamitischen hat sie hervorragenden Anteil.

Ost- und Westrom. Die Teilung des römischen Reiches in ein West- und ein oströmisches hob die Kultureinheit wieder auf, und es bildeten sich zwei Kulturkreise; in dem einen herrschte der römische, genauer gesagt der lateinische oder italische, in dem anderen der griechische Geist, jeder aber entartet und verderbt. Der Westen unterlag dann dem Einflusse germanischer Völker, der Osten jenem slavischer und asiatischer; schließlich schieden sich beide auch in religiöser, richtiger kirchlicher Hinsicht. Diesen Verhältnissen mußte auch der Entwicklungsgang der Kunst entsprechen.

Das Christentum. Eines hatten jedoch beide Kulturkreise zunächst gemeinsam: daß die geistige Macht des Christentums für sie bestimmend wurde. In der "antiken" Welt hatte zuletzt die Religion eigentlich alle Bedeutung verloren, jene blieb auf das dem Menschen innewohnende Sittlichkeitsvermögen und auf die Zucht der Gesellschaftsordnung angewiesen. Die große Volksmasse hielt zwar noch an den Göttern fest, aber die hohe Auffassung von der Gottheit, wie wir sie bei den Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. fanden, war längst verloren gegangen. Dazu kam noch, daß die Römer aus Staatsklugheit auch fremde Götter - so namentlich ägyptische - übernahmen, denen sich das Volk im dunklen Drange nach religiöser Erhebung vielfach zuwandte.

Eine solche bot nun das Christentum mit seinem Glauben an einen Gott, der nicht blos mit Strenge, sondern mit Liebe über Welt und Menschheit waltet, und mit seiner Verheißung eines höheren Lebens nach dem Tode. Die reine und einfache evangelische Lehre war leicht verständlich, befriedigte die Bedürfnisse des Gemütes und beschäftigte auch die Einbildungskraft mit den Vorstellungen von dem Jenseits.

Sie verlangte auch nicht Verzicht auf Lebensfreudigkeit, im Gegenteil, mit ihrer Forderung der Nächstenliebe suchte sie die Gegensätze auszugleichen und allen Anteil auch an den Gütern der Welt zu gewähren. Das irdische Leben sollte auch in dieser Hinsicht vorbereiten für das künftige, in welchem ein vollkommener Ausgleich aller Gegensätze stattfindet und ewige Freude herrscht.