Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

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Germanische Kunst.

verächtlichen Bezeichnung "Barbaren", welche die Römer ihnen beilegten, den Sinn von rohester Wildheit unterzulegen geneigt war. In Wahrheit war es anders; von einer "höheren Kunst" war allerdings bei den Germanen keine Rede, aber sie besaßen eine immerhin entwickelte kunstgewerbliche Fertigkeit von eigentümlicher Art, wie dies die Waffen und Schmucksachen bezeugen. In der Metallbearbeitung waren vielleicht die Kelten ihre Lehrmeister, dagegen scheint eine besondere germanische Fertigkeit die Holzschnitzerei gewesen zu sein, und in dieser sich der eigentümliche "Kunstsinn" oder Geschmack ausgeprägt zu haben. In den waldreichen Wohngebieten der Germanen war ja das Holz der "nächstliegende" Stoff, und aus diesem wurden nicht nur ihre Behausungen, sondern auch viele Geräte verfertigt, es ist daher nur natürlich, daß sich auch der Schmucktrieb in demselben bethätigte. Allerdings können wir auf diese Holzschnitzereifertigkeit nur mittelbar schließen aus den Formen der eigentümlichen germanischen Ziermuster, welche ganz auf den Kerbschnitt hinweisen. Wir kennen sie zwar aus Metallarbeiten, da die Formen aber nicht aus der Eigenart des metallischen Stoffes sich ergeben, so müssen eben ursprünglich Holzvorlagen vorhanden gewesen sein.

Ziermuster. Die frühesten sind rein geometrischer Art, wie bei allen Naturvölkern. Dann treten in Nachahmung des Flechtwerks die verschlungenen Bänderungen auf, und auf der weiteren Stufe der Entwicklung werden endlich Tierformen verwendet. Diese letzteren Ziermuster sind eine den Germanen eigentümliche Erscheinung und ganz besonders für ihre Kunstübung bezeichnend. Die Tiere werden hierbei nicht einfach "naturalistisch" nachgebildet, sondern es werden die Formen einzelner Teile zu freien Gestaltungen verwertet, und dabei geben sich eine lebhafte Einbildungskraft und reiche Erfindungsgabe kund. Hauptsächlich sind es Wolf, Pferd und Vögel, deren Gliederformen zu Ziermustern verarbeitet wurden, wie dies anderwärts mit Pflanzenformen geschah. Eine naturgetreue Wiedergabe der Tiere war gar nicht beabsichtigt, es handelte sich rein nur um ein mannigfach bewegtes Linien- und Formenspiel. Solchem aus verflochtenen Bändern und aus umgestalteten Tierformen gebildeten Zierwerk begegnet man, wie bereits erwähnt, auch bei Werken aus der langobardischen Zeit auf oberitalischem Boden.

Schmuck. In Schmiedearbeiten hatten die Germanen es zu einer hohen Fertigkeit gebracht - der Schmied war ja auch bei ihnen eine angesehene und wichtige Persönlichkeit -, und auch die feinere Goldschmiedekunst erscheint ziemlich ausgebildet. Als eine besondere germanische Art von Goldschmucksachen sind die Arbeiten mit Zellenglasverzierung zu erwähnen, bei welchen in vertiefte Zellen des metallischen Grundes farbige Glasstücke eingesetzt und festgepreßt wurden. Durch diese "kalte" Herstellungsweise unterscheiden sie sich von den byzantinischen Schmelzflußarbeiten (Email), da bei letzteren die gepulverte Schmelzmasse in die Zellen gefüllt und über dem Feuer eingeschmolzen wurde.

Handschriften. Mit der Annahme des Christentums und dem Aufkommen von Klöstern unter den auf römischem Reichsboden angesiedelten Germanen wurde auch die Schriftkunst bei ihnen eingebürgert, und es erscheinen nunmehr auch verzierte Handschriften. Auch hier prägt sich die germanische Eigenart scharf darin aus, daß nicht wirkliche Bilder mit gegenständlichen Darstellungen, wie bei den byzantinischen Handschriften, sondern in der Regel nur Ziermuster geboten werden, bei denen ebenfalls die Tierformen reichliche Verwendung finden. Diese wurden zu Linienschnörkeln aufgelöst, auch bildete man die Buchstaben aus den umgestalteten Tierfiguren. Selbst dort, wo ersichtlich fremde Vorbilder benutzt wurden, zeigt

^[Abb.: Fig. 230. Initiale aus der Bibel Karls des Kahlen.

Paris, Louvre.]