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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

jedoch die burgundischen Bildnereiwerke nicht sehr erfreulich, es fehlt die Ruhe und feierliche Würde, welche die sächsischen auszeichnet, die Bewegungen sind allzu lebhaft, fast gewaltsam, herbe Strenge tritt an Stelle der anmutigen Schönheit. Bezeichnend ist in der Gewandbehandlung die Häufung von feinen Falten, sowie eine gewisse Vorliebe für geschwungene Linien, welche darauf zurückzuführen ist, daß die Holzschnitzerei hier viel geübt wurde und deren Weise auf die ganze Bildnerei Einfluß nahm. Im westlichen Südfrankreich - dem alten Aquitanien (Languedoc) - erscheint die Formgebung von spätrömischen und byzantinischen Vorbildern einigermaßen beeinflußt; stärker tritt jedoch die Neigung zum Phantastischen hervor, die sich in abenteuerlichen Tiergebilden und in Verschnörkelung der Linien äußert. Hier war eben der keltische Bestandteil im Volkstum noch maßgebender als im Osten, und zu dessen Eigenart gehörte die rege Einbildungskraft, die Freude an wunderlichen Linienspielen und seltsam bewegten Gestalten, wie sich diese auch in den irischen Miniaturen kundgiebt. Die Annahme, daß letztere für die Bildner als Muster dienten, erscheint jedoch unbegründet, die Aehnlichkeit erklärt sich ungezwungen aus der Volkseigenart. Bedeutsamer sind die Leistungen in der Provence, - dem östlichen Südfrankreich - wo man gleichwie in der Baukunst antiken Vorbildern folgte, allerdings nicht jenen aus der besten Zeit, sondern aus der spätrömischen und der altchristlichen. Immerhin sind gewisse Vorzüge der antiken Kunstweise, namentlich in den älteren Werken, beibehalten, edle Bildung des Kopfes, ruhige Größe in der Haltung, geschmackvolle Behandlung des Gewandes, aber der Ausdruck der Züge ist herber und die Eigentümlichkeit der gehäuften feinen Fältelung findet sich auch hier. Bemerkenswert ist die Feinheit der Ausführung, welche auf der von altersher überkommenen Arbeitsfertigkeit des Südens beruht.

Italien. Ungemein vielgestaltig ist in dieser Zeit die Bildnerei auf italischem Boden. Drei Hauptgruppen lassen sich hier unterscheiden; gemeinsam ist allen die Anlehnung an die Formensprache der Antike. In Oberitalien (Lombardei) wird sie jedoch im Sinne des germanischen Kunstgeistes angewendet, und gleichwie im Norden legt man auf den gedanklichen Inhalt das Hauptgewicht; die Auffassung ist freier und lebendiger, die frische Natürlichkeit und selbständige Eigentümlichkeit der deutschen Bildnerei wird aber nicht erreicht. Mittelitalien (Toscana) bleibt gänzlich im Bann der Antike, die Form ist die Hauptsache, auf welche man alle Mühe verwendet, während man dem Inhalt gleichgiltiger gegenübersteht; und um die Mitte des 13. Jahrhunderts findet hier ein förmliches Wiederaufleben der Antike statt. Dieselbe, jedoch in der Entartung der byzantinischen Kunstweise, erscheint auch maßgebend für Süditalien, welches Werke und Meister aus dem Osten bezog und deren einheimische Künstler ganz nach byzantinischen Mustern arbeiteten. Der gleiche Einfluß ist in Venedig herrschend.

Verschiedenheit des deutschen und italienischen Kunstwesens. Auf einige beachtenswerte Umstände, welche die Entwicklung der italischen Bildnerei bestimmten, mag vorerst hingewiesen werden. Im Norden, namentlich aber in Deutschland, war nicht nur das religiöse Gefühl überhaupt stärker und inniger, sondern auch die Kunstübung selbst fast ausschließlich in geistlichen Händen, die Meister waren in der Regel Klosterleute und die Klöster selbst gewissermaßen Kunstschulen. Die Einzelpersönlichkeit trat daher auch in den Hintergrund und darum kennen wir die Namen der Künstler in den seltensten Fällen. In

^[Abb.: Fig. 276. Mosaikbild aus der Kirche della Martorana in Palermo.]