Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

278

Germanische Kunst.

greifen, wie sie vor diesem Zeitraume sich entwickelten, um jene des letzteren verständlicher zu machen. Die beiden verhalten sich zu einander etwa wie die Knabenzeit zum Jünglingsalter. Zu Beginn des romanischen Zeitraums herrscht noch die unbefangene, kindliche Natürlichkeit vor, der Gesichtskreis ist beschränkt, die Einbildungskraft besonders rege und eine gewisse Freude am Spielerischen beeinflußt die Erfindungsgabe, im ganzen befinden sich Geist und Gemüt in einem Zustande der Ruhe. Dies ändert sich nun mählig; mit der Ausbildung des Verstandesmäßigen verschwindet die Unbeholfenheit aber auch die Unbefangenheit, die Lebenserscheinungen werden nicht nur vielfältiger, sondern auch tiefer aufgefaßt, die kindliche Ruhe weicht einer stürmischen Leidenschaftlichkeit. Man schwankt zwischen den äußersten Gegensätzen hin und her; männliches Kraftgefühl, zur Heldenhaftigkeit gesteigert oder auch zur rohen Gewaltsamkeit ausartend, paart sich mit einem Gefühlsüberschwang, der bisweilen krankhaft erscheint, und mit mächtiger sinnlicher Erregung. Eine dichterische Stimmung durchdringt das ganze, geistige Leben, erzeugt Begeisterung und verfeinert die Sitten.

Die staatlichen Einrichtungen sind nun fester geordnet, aber auch verwickelter geworden, Rittertum und Bürgertum bilden sich aus, die fürstliche Gewalt wird auf neue Grundlagen gestellt, der volkliche Gedanke schärfer betont. Die Religion beherrscht die Geister vollständig, das Christentum ist jetzt tiefer in das Bewußtsein eingedrungen; aber die einfache schlichte Auffassung verschwindet, man nimmt die religiösen Lehren nicht unbefangen als ein Unfaßbares hin, sondern will sie begründet wissen, entweder durch den Verstand oder durch das Gemüt erfassen; jenes versuchen die scholastische Wissenschaft, dieses die Mystiker; der Wunderglaube und die Verehrung der Heiligen nehmen dabei zu. Die Kirche, als Trägerin der auch das Weltliche regelnden Religion, muß sich immer mehr mit den weltlichen Angelegenheiten befassen, und verweltlicht dabei, was wieder Gegenströmungen hervorruft, den Widerstand der staatlichen Gewalten und Bestrebungen, sie wieder zur apostolischen Einfachheit zurückzuführen. Die von Heiligen gegründeten Orden und die "Ketzerbewegungen" haben dieselbe Ursache und das gleiche Ziel.

In den Kreuzzügen nach dem heiligen Lande prägt sich am deutlichsten die außerordentliche Begeisterungsfähigkeit und die Lust an Abenteuern aus, welche die mitteleuropäische Gesellschaft damals kennzeichneten. Diese Fahrten erweiterten den Gesichtskreis, machten unmittelbar mit der Pracht und den höfischen Sitten des Morgenlandes bekannt, und trugen so mächtig zur Ausgestaltung des eigentümlichen "ritterlichen" Wesens bei. Andrerseits gewannen dabei auch Handel und Verkehr, die Städte blühten auf, das Bürgertum gelangte zur Macht und wurde selbstbewußt.

Dies reiche, vielgestaltige Leben drängte nach einem Ausdruck in Dichtung und Kunst. Wenn im früheren Mittelalter der mit schlichter Hingebung aufgenommene religiöse Gedanke die Geister auf das einfach Große, auf die ruhige Erhabenheit hinleitete, so war jetzt die Zahl der künstlerischen Anregungen ebenso gewachsen, wie jene der Empfindungen, deren ein leidenschaftlich erregtes Gemüt fähig ist. Damals war der Gedanke, nun wird die Stimmung maßgebend. Die Kühnheit des Unternehmungsgeistes und der Einbildungskraft verbindet sich mit gesteigerter Arbeitsfertigkeit und Gestaltungsgabe; das Verständnis für die Schönheit der sinnlichen Natur erwacht und es werden daher auch die rein sinnfälligen Erscheinungen in Kunst und Dichtung gewürdigt. Auch der Verstand hat sich entwickelt, er waltet zügelnd und mäßigend gerade auf dem Gebiete der Kunst, welche ja der Ordnung und Regelung nicht entbehren kann. Die Künstler halten an der Ueberlieferung fest, daß Gesetzmäßigkeit herrschen müsse. Wie der Inhalt der Kunst von der Einbildungskraft, so wird die Form vom Verstande bestimmt, ihr widmet man Berechnung, Ueberlegung und Lernfleiß, aber noch nicht in schulmäßiger Gebundenheit, sondern innerhalb bestimmter Grenzen notwendiger Gesetzmäßigkeit herrscht Freiheit der Bewegung im Gestalten, und die künstlerische Persönlichkeit vermag sich daher zur Geltung zu bringen.

Die Entwicklung der Verhältnisse in der Richtung, wie sie vorstehend in Kürze angedeutet ist, vollzog sich zunächst in Frankreich, von dem ja auch der Anstoß zu den Kreuzzügen ausging. Die starke Volksmischung aus germanischen, romanischen und keltischen