Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

283

Germanische Kunst.

Stirnseite und die Turmunterbauten der Hauptkirche von Chartres (1145 begonnen), der Chor des Domes von Noyon (1131 begonnen) und der Chor von St. Germain des Prés in Paris (1163 vollendet).

Der schlichte Beschauer mag leicht verleitet werden, in den reichen äußeren Schmuckformen die Eigenart des gotischen Stils zu sehen, da ja in der That diese ihn so augenfällig kennzeichnen, in Wahrheit aber beruht sein Wesen in der Baufügung, welche alle Eigentümlichkeiten desselben bestimmt. Jene eindrucksvollen Zierformen sind eine Folgeerscheinung; die notwendigen Bauglieder, in erster Linie mit hohem Scharfsinn zweckmäßig gestaltet, wurden in zweiter mit überquellender Erfindungsgabe auch schön gebildet, und darin eben, in dieser die Zweckmäßigkeit mit Gefallsamkeit verbindenden, das Notwendige je nach seiner Bedeutung durch Schmuck auszeichnenden Weise bekundet sich der hervorragende künstlerische Geist dieses Zeitraumes. Der Verfall des Stiles begann, als der Schmuck Selbstzweck wurde und die Baufügung in die zweite Linie trat.

Zu der Fortbildung der letzteren hatte ein vorhandenes Bedürfnis geführt. In den volkreichen Städten brauchte man geräumige Kirchen, und um solche zu erhellen, waren große Lichtöffnungen notwendig. Die städtischen Hauptkirchen sollten aber auch großartig und glanzvoll sein, Wahrzeichen der Kraft und des Reichtums der selbstbewußt gewordenen Bürgerschaft, welche jetzt in der Regel die Mittel zum Baue liefert. Den Baumeistern war die Aufgabe gestellt, große, hochragende Räume zugleich dauerhaft und leicht, d. h. mit beschränkter Masse, herzustellen. Auf diese Punkte richtete sich nun das Sinnen und Erfinden der Baukünstler, alle Neuerungen zielten zunächst darauf ab. Man sagt vielfach von dem gotischen Stil, daß er die "Verflüchtigung" oder "Vergeistigung der Materie" anstrebte, deutlicher läßt sich dies ausdrücken in dem Satze: daß er Reichtum, Großartigkeit und Erhabenheit der Form mit möglichst wenig Stoff schaffen will. Die Masse wird auf das Notwendigste beschränkt, nur die tragenden, stützenden und verbindenden Teile sind stark und kräftig, aber auch nicht mehr, als unbedingt erforderlich; so erscheint ein gotischer Bau gewissermaßen als ein Gerüst von solchen Stützen, zwischen denen leichte Füllungen eingeschaltet sind. Der antike Tempel, die altchristliche Basilika, auch noch die frühromanische Kirche sind Mauerkörper, d. h. ihr ganzer Zusammenhang beruht auf den geschlossenen Massen der Mauern; auch Tonnengewölbe und Kuppel sind durchaus massig. Die Oeffnungen sind nur aus dieser geschlossenen Masse ausgebrochene Lücken. Bei den gotischen Bauten haben die Mauern - auch die zwischen den Gewölberippen eingespannten - mehr nur die Aufgabe, die Oeffnungen zu schließen, welche hier sich aus dem ganzen inneren Zusammenhang von selbst ergeben.

Das ist der wesentliche Unterschied der neuen Bauweise von der früheren. Sie setzte dabei einen bedeutsamen Fortschritt in der Erkenntnis der Naturgesetze voraus, welche die Verhältnisse der Kräfte auf das Gleichgewicht und die Bewegung von Körpern, deren Festigkeit und Fügsamkeit betreffen. Es wurde schon darauf hingewiesen, daß bereits im Altertum viele dieser Gesetze bekannt waren, indessen beruhte diese Kenntnis fast ausschließlich auf Erfahrung; letztere ist zwar auch in diesem Zeitraum noch maßgebend, aber es tritt bereits Berechnung hinzu, genauer gesagt: man arbeitet nicht mehr allein nach den überlieferten Erfahrungssätzen, sondern ergründet aus diesen die Gesetze und richtet sich dann nach diesen, man kennt nicht blos die gesetzmäßigen Thatsachen, sondern lernt ihre Ursachen erkennen. Dieser Fortschritt von einfacher Kenntnis zur Erkenntnis ist Gedankenarbeit des Verstandes, und die Verbindung von verstandesmäßigem Scharfsinn mit dem Feingefühl für Schönheit ist bezeichnend für den Kunstgeist dieser Zeit. Planvoll und sinnreich werden die Kräftewirkungen des Druckes und Schubes bei der Verteilung der Lasten berücksichtigt, und mit wagender Kühnheit konnten daher jene Einzelheiten der Baufügung gestaltet werden, welche unsere Bewunderung erregen, weil sie tiefsinnige künstlerische Gedanken zum Ausdruck zu bringen scheinen. Diese gebührt ihnen aber noch mehr deswillen, weil sie mit strenger Folgerichtigkeit aus dem Grundgedanken des Ganzen sich ergeben und die naturnotwendige Wechselbeziehung der einzelnen Glieder desselben klar sich ausprägt. Die