Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

290

Germanische Kunst.

Gliederung der Oberwand. Die Oberwand des Mittelschiffes erhält ihre senkrechte Gliederung durch die an ihr aufsteigenden Dienste, eine leichte wagerechte durch schmale Gesimse, welche sich unter den Fenstern und einem in der Mauerdicke über den Arkaden angelegten Laufgang - Triforium - hinzogen. Diese Gesimse werden von den sie durchschneidenden Diensten unterbrochen, so daß die wagerechte Bewegung wieder abgeschwächt wird. Zuweilen setzten sie sich jedoch um die Dienste herum fort als leichte Verkröpfung.

Das Triforium. Der Laufgang öffnet sich nach den Hauptschiffen mit einer durch Spitzbogen geschlossenen Säulenstellung, welche häufig den Fenstern ähnlich gebildet wurde. Die Fenster konnten wegen der sich in einiger Höhe über den Arkaden an die Mittelschiffswand anlehnenden Seitendächer nicht gleich über diesen beginnen. Es wäre also zwischen Arkaden und Fenster ein freier Mauerstreifen entstanden, was dem Streben der gotischen Baukünstler nach möglichster Auflösung der Mauerflächen nicht entsprochen hätte. Diesem Bestreben entsprang die Anlage des Triforiums, welchem jedoch auch ein großer Nutzzweck zufiel, indem von ihm aus eine leichte Besichtigung und Prüfung auf Schäden des Kircheninnern möglich war. Ueber dem Laufgang beginnen die Fenster, die den ganzen Raum zwischen den Diensten einnehmen und bis zu den Schildbogen aufsteigen.

Eindruck des Innern. Das Innere wirkt zufolge dieser großen Veränderungen wesentlich anders auf den Beschauer als das der romanischen Kirchen. Durch die allgemein aufstrebende Bewegung der Haupt-Bauglieder wird das Auge auf die Höhe gelenkt, die durch das Vorherrschen der aufsteigenden Linien und durch die schlankere Pfeiler- und Bogenbildung weit größer erscheint, als es bei einem romanischen Bau mit ganz gleichen Ausmessungen der Fall sein würde. Durch die zahlreichen großen Fenster würde das Kircheninnere mit einer Ueberfülle von Licht überflutet werden, doch dämpfen die Glasmalereien dasselbe zu einer sanften, alle Einzelheiten deutlich erkennbar machenden, gleichmäßigen Beleuchtung. - Der Chor, der durch gleiche Höhe, Pfeilerstellung, Wölbung und Fensteranlage mit dem übrigen Kirchenkörper in völlige Uebereinstimmung gebracht worden ist, nimmt nun keine Sonderstellung mehr ein, sondern bildet den vollkommen gleichmäßigen Abschluß des ganzen Inneren.

Das Aeußere. Schon oben wurde bemerkt, daß der Seitenschub der Gewölbe durch die Anwendung des Spitzbogens wohl stark verringert, doch nicht ganz aufgehoben werden konnte. Im romanischen Stil wurden die Wände gleichmäßig stark gebildet, doch erkannte man bald, daß dieses nicht nötig sei und es genüge, wenn nur jene Stellen der Wand kräftig aufgeführt wurden, welche den Gewölben als Stützpunkt dienten. Man lagerte deshalb jenen Stellen, an welche im Innern die Gewölbe drücken, starke Mauerpfeiler mit rechteckigem Querschnitt vor, die dem Seitenschub genügend Widerstand leisteten, die sogenannten Strebepfeiler.

Strebepfeiler. Diese dienten zunächst den Wölbungen der Seitenschiffe als Widerlager, doch wurden sie für das Hauptschiff ebenfalls nutzbar gemacht, indem auch der Seitenschub seiner Gewölbe mittelst der Strebebogen auf sie übertragen wurde. Die Strebepfeiler sind also kräftige vorspringende Mauermassen, die an den Seitenschiffen dort aufsteigen, wo im Innern die Gewölbestützen gegen die Mauern drücken. Die anfängliche Massigkeit behalten sie jedoch nicht bei, sondern sie verjüngen sich nach oben in mehreren Absätzen, die durch Abschrägungen, die sogenannten Wasserschläge, abgeschlossen werden und erhalten schließlich eine Bekrönung durch die Fialen.

Fialen. Diese sind kleine vier- oder achtseitige Türmchen, die mit einem spitzpyramidenförmigen Dache bedeckt wurden. Diese Türmchen sind die häufigsten Ziergebilde des Aeußeren, sie wurden nicht nur als Bekrönung der Strebepfeiler angewendet, sondern überhaupt überall dort, wo eine größere Belastung einzelner Teile nötig war oder der Eindruck des Emporstrebens verstärkt werden sollte. Man unterscheidet an ihnen den "Leib", das ist der senkrechte vier- oder achteckige Teil, und den "Riesen" das ist die pyramidenförmige Bedachung. Häufig wurden die Fialen ausgehöhlt und dienten dann als Aufstellungsort für kleine Heiligenfiguren.