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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

nur die ungemein anmutige Leichtigkeit und Schlankheit ins Auge faßt. Diese Schloßkapelle besteht aus einer niedrigen Unterkirche von dreischiffiger Anlage und der einschiffigen Oberkirche, welche fast nur ein Gerippe aus schlanken Pfeilern ist, zwischen welchen die farbigen Glasfenster die Wände ersetzen. Sonst waltet noch im Bau der strenge Stil vor, während die Stirnseite und die zwei Treppentürme ebenfalls spätgotischen Schmuck zeigen. Als das vorzüglichste Bauwerk französischer Hochgotik mag die Abteikirche St. Ouen in Rouen gelten (1318 begonnen, 1339 war der Chor vollendet, der Ausbau erfolgte erst im 16. Jahrhundert), welche ebensowohl durch schöne Verhältnisse und Einheitlichkeit, wie durch Luftigkeit und Zierlichkeit in den Einzelheiten sich auszeichnet. Doch tritt eine Neigung zum Schmuckstil auch hier bereits hervor.

Der letztere fand in Frankreich nicht nur seine vollendetste Durchbildung, sondern auch seine weiteste Verbreitung; noch im 17. Jahrhundert entstand im Dome von Orleans (1602-1789 bezw. 1829) ein bedeutsames Werk dieser Richtung. Abgesehen von verschiedenen Bauten, welche ganz derselben angehören, tritt sie uns namentlich, wie bereits angedeutet, in den jüngeren Teilen der früheren Werke, beziehungsweise in Anbauten zu letzteren entgegen. Bei der über mehrere Jahrhunderte währenden Dauer des Baues und dem Wechsel der Meister war es unvermeidlich, daß verschiedene Richtungen zum Ausdruck kamen, zumal gerade die gotische Bauweise an sich eine große Freiheit und Mannigfaltigkeit in den Einzelheiten und somit auch Abänderungen des ursprünglichen Planes gestattet.

Bei den weltlichen Bauten herrscht ebenfalls der Schmuckstil vor; hervorragend und bemerkenswert sind der Justizpalast von Rouen (Ende des 15. Jahrhunderts entstanden), das Hotel Cluny (Absteigehaus der Aebte von Cluny) in Paris (Fig. 284) und das Wohnhaus des Schatzmeisters Jacques Coeur (1445-55) in Bourges. Von den Schloßbauten sind besonders Pierrefonds und das päpstliche Schloß zu Avignon zu nennen, die noch aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammen.

War auch die französische Gotik aus einer Verbindung nördlicher und südlicher Eigentümlichkeiten entsprossen, so fand sie doch in dem vormals normannischen Kunstgebiete eine bereitwilligere Aufnahme, als in Südfrankreich, wo sie eigentlich erst nach den Kriegen mit den ketzerischen Albigensern Wurzel faßte. Man hielt im Süden an dem romanischen Stile auch dann noch fest, als der gotische von den Nordfranzosen "eingeführt" worden war. In der That fand die Gotik hier nicht eine allmähliche Entwicklung, sondern wurde als etwas Fertiges aus der Fremde übernommen und dann nur der südländischen Eigenart entsprechend umgebildet. Die meisten gotischen Bauten in der Provence, in Languedoc und in der Auvergne enthalten noch viel romanische Anklänge und weichen im ganzen erheblich von der nordfranzösischen ab. Dazu trug auch der Umstand bei, daß man im Süden vielfach (anstatt des Sandsteins) als Baustoff Ziegel verwandte, was schon eine größere Massigkeit der Mauern und Einfachheit der Formen bedingte. Wir finden ferner auch hier die einschiffige Anlage - große Hallen - bevorzugt, welche schon vormals landesüblich war. Der bedeutsamste gotische Bau des Südens, die Cäcilienkirche von Alby (1282-1476) ist eine solche Hallenkirche und zeigt am besten die besondere Ausbildung der südfranzösischen Gotik.

Die Niederlande. Mehr als im Süden des eigenen Landes gewann die französische Bauweise die Herrschaft in den Niederlanden. Während des romanischen Zeitraumes war dieses Gebiet auch in der Kunst von Deutschland abhängig, und namentlich fand der rheinländische (spätromanische) Stil in den südlichen Landesteilen - dem heutigen Belgien - weite Verbreitung und vollendete Ausbildung, so daß er bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts maßgebend blieb. (Ein hervorragendes Werk dieser Richtung ist die Hauptkirche von Tournay.) Die Verwandtschaft dieses rheinländisch-romanischen mit dem frühgotischen Stile erleichterte natürlich das Eindringen des letzteren, umsomehr, als auch die wallonische Bevölkerung der französischen stammverwandt war. Die nördlichen, plattdeutschen Landesteile blieben zunächst noch mehr unter deutschem Einfluß und zwar im ganzen 13. Jahrhundert; seit aber Holland an die wallonischen Grafen von Hennegau gekommen war (1299),