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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

waren, setzten nun ihren Stolz darein, auch ihre öffentlichen bürgerlichen Bauten großartig zu gestalten. Dazu gehörten namentlich die Markthallen für den Großhandel (Tuchhallen; die Niederlande waren eine Hauptstätte der Tucherzeugung) und die Rathäuser. Neben den Hauptkirchen von Mecheln (1341 begonnen) und Löwen (1373 begonnen), erscheinen daher die Hallen von Ypen ^[richtig: Ypern] (1304 vollendet), Gent (1325) und Brügge (nach 1360), die Stadthäuser von Brügge (1377 begonnen), Brüssel (1401-55), Loewen (1447-63), (Fig. 288) Gent (1518-33) u. a. als Schöpfungen von wirkungsvoller Pracht.

England. Gleichwie im vorigen Zeitraum empfängt auch jetzt England den neuen Stil von Frankreich her; noch ist ja dort in der herrschenden Gesellschaftsschichte, dem normannischen Adel, die französische Sprache allein üblich und erst nach 1360 wird die englische Sprache - bisher nur die des "gemeinen Volkes" - auch im öffentlichen Leben zugelassen. In politischer Hinsicht war freilich die Scheidung bis zum scharfen Gegensatze gediehen, und unter den englischen Normannen das Gefühl eines eigenen, von dem französischen unabhängigen Volkstums bereits entwickelt. Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich, daß in England die Gotik ursprünglich ganz die französische Eigenart zeigt, sich aber dann in einer besonderen selbständigen Richtung entwickelt. Die Neigung zu schmuckhafter Gestaltung hatte bereits in der späteren normannisch-romanischen Bauweise sich geltend gemacht und der Cistercienserorden scheint den Spitzbogen nach England verpflanzt zu haben, da er bei den Kirchen derselben zuerst - in Verbindung mit sonst ganz romanischen Formen - auftritt. Die anmutige Zierlichkeit der Frühgotik machte einen nachhaltigen Eindruck, und als 1174 die Hauptkirche zu Canterbury abgebrannt war, wurde ein französischer Meister (Wilhelm von Sens) mit deren Wiederaufbau betraut (Fig. 289 u. 290). Der Ostteil derselben, bereits 1189 vollendet, ist das erste Werk der französisch-frühgotischen Richtung. Ihr vollständig zu folgen, konnte man sich aber doch nicht entschließen, vorerst begnügte man sich noch, immer mehr gotische Formen bei normannischer Grundanlage anzuwenden, beziehungsweise romanische Formen im Geiste der Gotik umzubilden. Denn was an derselben die Engländer reizte, war die äußerliche Schmuckhaftigkeit; das eigentliche Wesen, das in der Baufügung liegt, trat bei ihnen fast ganz in den Hintergrund. Darin ist nun der entscheidende Grund zu suchen, welcher die Entwicklung der englischen Gotik in einer besonderen Richtung bestimmte. Man könnte sie etwa so kennzeichnen: normannisch-romanische Baufügung und Anordnung werden im wesentlichen beibehalten, die gotischen Formen zum Schmuck verwendet und daher auch ausschließlich im Sinne der bloßen Verzierung ausgebildet, wobei sich der besondere englische Geschmack bethätigt. Die lebensvolle Einheitlichkeit, der innere Zusammenhang zwischen Baufügung und Verzierung, fehlt daher den Werken der englischen Frühgotik. Es herrscht die wagerechte Linie vor, während doch die senkrechte, das Aufstreben zur Höhe, dem Geiste der Gotik angemessen ist. Die Rundpfeiler werden mit freien Säulen umstellt, die Spitzbogen ungemein schmal zugespitzt (Lanzettbogen), bei den Gewölben die Rippen zuerst durch eine Scheitelrippe vermehrt und endlich die Sterngewölbe eingeführt; bei den Schmuckformen wird das Zierliche und Schlanke bis zum äußersten getrieben, ja oft übertrieben. Ueberraschend schnell verbreitete sich dieser Stil über das ganze Land, ein Beweis, daß er dem Volksgeiste entsprach; aber auch eine gewisse Gleichförmigkeit aller Bauten ergab sich daraus, die im Gegensatz steht zu der selbständigen Eigenheit, welche jedes der französischen und deutschen Werke auszeichnet. Als bedeutendste Schöpfung der englischen Frühgotik kann man die Hauptkirche von Salisbury betrachten (1220 begonnen) (Fig. 291), der sich eine große Reihe anderer - Beverley, Southwell, Wells, Rochester, York (nur die Kreuzschiffe), Lincoln, Peterborough u. s. w., meist jedoch in ihren älteren Teilen - anschließen. Eine etwas abweichende Gestaltung und zwar ganz im Sinne der französischen Bauweise zeigt die berühmte Westminster-Abtei in London (1245 begonnen, Chor und Kreuzschiff 1269 geweiht), welche auch zuerst französisches Maßwerk erhielt. Im 14. Jahrhundert erfuhr dieser englisch-gotische Stil eine weitere Ausbildung hinsichtlich der Zierformen; man behielt zwar die herkömmliche Art der Baufügung und Grundanlage bei, versuchte jedoch in den Schmuckformen eine