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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

breite Räume gewöhnt, hatte nicht das Bedürfnis nach großen Lichtöffnungen, im Gegenteil nach schattigen, weil kühlen, Innenräumen, auch bestand die Vorliebe für Farbe, welche bei dem gotischen Stile nicht befriedigt wurde.

Gefällig an diesem erschien nur das bildnerische Zierwerk, also das Aeußerliche, und an dem Aeußerlichen blieb daher auch die italienische Gotik haften; dem inneren Wesen brachte man kein Verständnis entgegen. Man konnte sich weder mit der Vorherrschaft der senkrechten Linie, noch mit der Verdrängung der Mauermassen befreunden, ebenso wenig auf die Verwendung antiker Formen verzichten. Die italienischen Bauten gotischen Stils weisen daher immer auch wagerechte Linienführung und Gliederung, sowie große Wandflächen und farbigen Schmuck auf.

In Frankreich und Deutschland hatte sich die Gotik auf vorhandenen Grundlagen entwickelt, in Italien wurde sie "eingeführt", und dies fiel in die Zeit, als Niccoló Pisano in der Bildnerei wieder auf die reineren antiken Formen zurückgriff. Sein eigener Sohn wurde ein Hauptvertreter der neuen Richtung, welche in so starkem Gegensatze zur Antike stand.

Ordenskirchen. Die "Einführung" erfolgte durch einen Deutschen, Meister Jacob, welcher berufen worden war, um die Kirche des hl. Franziskus zu Assisi zu erbauen (1228-53). Sie besteht aus einer Unterkirche mit gewaltigen Kreuzgewölben, über welche sich die Oberkirche erhebt. Bei diesem ersten gotischen Werke ersieht man bereits, wie den italienischen Anschauungen Rechnung getragen wird: einschiffige Anlage, um Breiträumigkeit zu erzielen; große Wandflächen, die mit Malereien geschmückt wurden; wagerechte Gliederungen.

Die beiden neubegründeten Orden der Franziskaner und Dominikaner waren es auch, welche die neue Bauweise annahmen und verbreiteten. Die ersteren brachten sie nach Venedig, wo die schöne Kirche S. Maria gloriosa dei Frari entstand (1250-1338), welcher die Dominikaner in der Kirche San Giovanni e Paolo ein ebenbürtiges Werk zur Seite stellten. Beide Bauten wurden Vorbilder für eine Reihe weiterer Kirchen im venezianischen Gebiete. In Toskana war mit San Trinitá in Florenz (um 1250 begonnen) und der Hauptkirche in Arezzo (1277 begonnen) die neue Richtung bereits angebahnt worden; Dominikaner schufen dann den großartigen Bau der Kirche S. Maria Novella (1278 begonnen), deren Plan zwei Ordensmitglieder, Fra Sisto und Fra Ristoro, entworfen hatten, welche auch den Bau begannen. (Ihre Nachfolger in der Bauleitung waren ebenfalls dem Orden entnommen.) Die genannten Mönche gelten auch als Urheber der einzigen gotischen Kirche Roms, S. Maria sopra Minerva (1280 begonnen), ebenfalls eine Dominikanerkirche. Daß in Rom, der Hauptstätte der Antike, die Gotik nicht aufkommen konnte, ist begreiflich.

Obwohl diese gotischen Ordenskirchen im ganzen einfacher und schlichter gehalten waren, als die gleichzeitigen französischen und deutschen Bauten, so lenkten sie doch die Aufmerksamkeit auf

^[Abb.: Fig. 304. Der Stephansdom zu Wien.]