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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

Deutsche eingeführt, wird sie den gewohnten Anschauungen und dem volkstümlichen Geschmack angepaßt; das innere Wesen, die folgerichtige Baufügung, wird nicht erkannt, sondern nur das Aeußerliche, die eigenartigen Zierformen, aufgefaßt, aber auch dieses mehr nach der malerischen Seite hin ausgebildet; die eingewurzelte Vorliebe für Farbe, wagerechte Gliederung und Kuppeln tritt immer zu Tage. Der Dom zu Florenz giebt am besten diese eigen-italienische Auffassung wieder. Der Versuch, die "reine", nordische Gotik einzubürgern - Mailänder Dom - ruft nur den schärfsten Widerstand hervor und trägt nicht wenig zur völligen Abkehr von dieser Richtung bei.

Weltliche Bauten. Bisher habe ich nur von den kirchlichen Bauten gesprochen, und dies ist damit gerechtfertigt, daß bei diesen die eine Hauptsache, nämlich die Besonderheit der Baufügung, vor allem zur Geltung kommt, während sie bei den weltlichen Bauten in den Hintergrund tritt und hier das Schmuckwesen die Hauptrolle spielt. Da nun in Italien gerade die gotischen Zierformen es waren, welche Anklang fanden und der ganzen Richtung Freunde verschafften, so erklärt sich leicht, daß diese in den weltlichen Bauten vollkommener und reiner, namentlich aber gefälliger sich ausprägten. Ist nun auch die Verwandtschaft mit den nordischen Werken großer, so zeigt sich andrerseits eine treffliche Anpassung an die Verhältnisse, so daß bei diesen weltlichen Bauten die Stilformen nicht als etwas Fremdes, sondern als wirklich Heimisches erscheinen. Förderlich war hierbei der Umstand, daß die italienischen Städte verhältnismäßig spät zu öffentlichen Bauten schritten, obwohl die meisten aus alter, "römischer" Zeit bestanden und schon machtvolle selbständige Gemeinwesen waren, als in Deutschland es überhaupt noch kaum Städte gab. Man war aber auch von altersher gewohnt, weil das Klima es gestattete, auf offenem freien Platze - wie der Römer auf dem Forum - die Geschäfte zu verhandeln, höchstens daß man offene Hallen anlegte, und diese waren aus Holz. Erst im 13. Jahrhundert begann mit dem zunehmenden Reichtum und gesteigertem Selbstbewußtsein der Bürger auch die Neigung für städtische Prachtbauten zu erwachen, und dazu trug auch bei, daß der Landadel sich in den Städten angesiedelt hatte und dem bürgerlichen Gemeinwesen sich anschloß. Dies geschah schon seit Beginn des 12. Jahrhunderts; in der ersten Zeit begnügten sich aber die adeligen Grundherren mit der Errichtung von Wehrtürmen - die berühmten schiefen Türme zu Bologna sind Beispiele davon - und dachten noch nicht an Paläste.

Italienisches und deutsches Städtewesen. Ich muß hier kurz des Unterschiedes zwischen dem italienischen und deutschen Städtewesen - mit dem auch das französische und das englische in der Hauptsache übereinstimmt - gedenken, weil derselbe von nicht unwesentlicher Bedeutung für die Kunstverhältnisse geworden ist.

In Deutschland finden wir in der Bürgerschaft allgemein zwei Schichten: eine Art Stadtadel, - man nennt es Patriziertum - hervorgegangen aus den grundbesitzenden freien Geschlechtern, welche Anteil an der Stadtgemarkung hatten, und die Handwerker, deren wirtschaftliches Dasein bloß auf dem Ertrag der Arbeit beruhte, und welche in den

^[Abb.: Fig. 310. Die Marienburg.

Nordwestecke.]