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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

Mittelgiebel (man ersieht dies auch aus der Abbildung) nur ein Scheingiebel, denn das Mittelschiff ist niedriger. Eigenartig wirkt der Turm dadurch, daß in jedem Geschosse die Zahl der Fensteröffnungen sich vermehrt, somit die Mauermasse sich verringert, wodurch der Eindruck des Leichterwerdens erzielt werden soll.

Hauptkirche zu Orvieto. Bei dieser ist das Schmuckwerk etwas maßvoller behandelt und dafür mehr Gewicht auf den schönen Einklang der Verhältnisse gelegt. Während bei dem Dome in Siena alle drei Eingänge gleiche Höhe haben, sind hier die schmaleren Seitenportale auch niedriger als das mittlere, wie dies den Verhältnissen entspricht. Vier kräftige, reichgegliederte Pfeiler, die in Spitztürme auslaufen, geben der aufstrebenden Bewegung, die noch durch die Spitzgiebel unterstützt wird, das Uebergewicht über die wagerechte Gliederung, welche hauptsächlich durch den Laufgang erfolgt. Derselbe scheidet den Unterstock mit den drei Portalen vom Oberstock, der aus drei Scheingiebeln und einem mit einer Fensterrose und Nischenstandbildern geschmückten Mittelstück gebildet wird.

Dom zu Florenz. An dem Aeußeren des Domes zu Florenz (Fig. 316) ist, wie schon früher hervorgehoben wurde, die Kluft zwischen der nordischen und der italienischen Gotik am deutlichsten zu erkennen. Die wagerechte Gliederung herrscht vor, die Fenster sind nur an den Seitenschiffen spitzbogig und mit Spitzgiebeln gekrönt, die Strebepfeiler treten nur wenig hervor und sind weder nach oben verjüngt noch mit Fialen besetzt. Ganz fremdartig wirkt natürlich die Anlage des mächtigen Kuppelraumes an Stelle der Vierung, dessen drei kurze und niedrige Kreuzarme mit einem in die Mauerdicke eingelassenen Kapellenkranz umgeben sind. Die Abmessungen der Schiffe sind ungewöhnlich groß, die Spannweite der quadratischen Kreuzgewölbe erreicht 18 m, übertrifft also jene des Kölner Domes um ein Fünftel.

Bei dem Glockenturm treten die gotischen Formen nur im Schmuckwerk hervor, und der gotische "Gedanke" des Aufstrebens drückt sich darin aus, daß die Fenster von Geschoß zu Geschoß an Höhe zunehmen. Auch hier wird der entscheidende Eindruck, wie bei dem ganzen Aeußeren des Domes, bedingt durch den hohen malerischen Reiz der Bekleidung mit farbigem Marmor.

Dom zu Mailand. Die Fülle gotischer Formen, welche der Beschauer am Dom zu Florenz vermißt, findet er an dem Dom zu Mailand. Ueber seine Entstehung und die Ursache dieser ganz unvermittelten Nachahmung rein gotischer Formen wurde schon auf S. 321 gesprochen.

Man hat es hier mit einem Werke zu thun, welches bei dem ersten Anblick einen mächtigen "fabelhaften" Eindruck macht, bei näherer Prüfung sich aber doch von geringem künstlerischen Gehalt erweist. Es fehlen der innere Zusammenhang der einzelnen Teile und der Einklang der Verhältnisse; die Höhenentwicklung des Kirchenkörpers an sich ist nicht günstig genug, die wagerechten Linien herrschen auch im Aeußeren vor. Die steinerne Märchenpracht dieser zahllosen Fialen, Krabben, Figürchen, Fensterkrönungen und Stabwerkgebilde wird allerdings immer ihre starke Wirkung ausüben. Auch das Innere (Fig. 320) ist nur eine schlechte Nachbildung der nordischen Dome. Die gebündelten Pfeiler sind zu massig und nüchtern, und ihre aufstrebende Bewegung wird durch Nischen mit Standbildern (Tabernakel), welche an Stelle der Kapitäle treten, sinnlos unterbrochen. Bemerkenswert ist auch der Mangel hoher Fenster und des Triforiums.

^[Abb.: Fig. 323. Ca doro in Venedig.]