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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

Eines seiner Hauptwerke, an welchem er die volle Meisterschaft bekundet, ist die um 1268 entstandene Kanzel in der Taufkapelle zu Pisa (Fig. 329). Die Madonna in dem einen Flachbilde "Anbetung der Könige" ist von einer hoheitsvollen Würde und Anmut, welche entzückend wirken (Fig. 330).

Der Richtung Niccolos folgten wohl einige Schüler - Fra d'Agnello, Arnolfo di Cambio - aber noch bei Lebzeiten des Meisters kam eine neue auf, welche siegreich blieb; und zwar war es Niccolos eigener Sohn, Giovanni Pisano (1240-1321), der sie begründete. Es ist vollkommen begreiflich, daß Niccolos Weise nur einen Uebergang darstellte. Was dieser große Künstler geahnt und auf einem Umwege angestrebt hatte, - Naturwahrheit als Endziel aller Kunst - das war nun allmählich den geistigen Führern des Volkes bewußt geworden. Die höchste Schönheit ist etwas Gedankliches, aber die Natur giebt ihr - wenn auch abgeschwächtes - Abbild, und nur durch die Natur kann der Künstler zum Erfassen des Urbildes gelangen, - mit diesem Satze läßt sich die Stellung kennzeichnen, welche jetzt die Kunst einnimmt, nachdem sie aus den Fesseln der Ueberlieferung sich befreit hat. Abgesehen von dieser grundsätzlichen Auffassung, welche sich auf die Gesamtheit der Künste bezog, kam bei den Darstellenden noch in Betracht, daß die überlieferten Ausdrucksmittel nicht genügten, um die herrschenden Gedanken und Empfindungen befriedigend wieder zu geben. Auch die Kunstformen der Antike konnten nicht voll entsprechen, da sie anderen geistigen Anschauungen und Lebensverhältnissen angepaßt waren, während doch jetzt der christliche Gedankenkreis und ganz erheblich veränderte Kulturzustände darzustellen waren.

Der christlichen Auffassung näher stand zwar die andere Richtung der verderbten Antike, - wie sie am schärfsten in der "byzantinischen" Kunstweise sich ausprägt - aber auch diese war rückständig hinsichtlich der derzeitigen Lebenserscheinungen. Aus all' dem ergab sich mit einer zwingenden Notwendigkeit, daß eben eine neue Richtung gefunden werden mußte.

Giov. Pisano. Giovanni Pisano hatte als Schüler und Gehilfe des Vaters seine Arbeitsfertigkeit ausbilden können, um nun auch seine eigenen künstlerischen Gedanken in vollendeter Weise auszuführen, wozu ihm sowohl als Baumeister wie als Bildner reiche Gelegenheit geboten wurde. Daß man ihm 1278 den Bau des Campo santo in Pisa übertrug, zeugt dafür, daß er schon damals einen großen Ruf besaß. Als Baumeister hat er dem "gotischen Stil" in Italien eigentlich die Bahn gebrochen, noch bedeutsamer und folgenreicher blieb jedoch seine Thätigkeit als Bildhauer. Die Gestalten seiner Werke sind voll Leben, stets in starker Bewegung, welche die innere seelische Erregung natürlich zum Ausdruck bringt, auch die Gewandung zeigt bewegte Linien; er kennt keine beschauliche Ruhe, nur thätiges Handeln.

In den Flachbildwerken arbeitet er daher auch die Figuren so stark aus der Fläche heraus, daß sie nahezu wie Rundbilder erscheinen. Als sein Hauptwerk gilt die Kanzel von S. Andrea in Pistoja (Fig. 331), jene für den Dom von Pisa ist leider zerlegt und nur in Stücken erhalten; ob das Grabmal des Papstes Benedict XI. in Perugia von

^[Abb.: Fig. 333. Andrea Pisano: Die Heimsuchung.

Flachbild von der südlichen Thür des Baptisteriums zu Florenz.]