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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei im 14. und 15. Jahrhundert

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Die Malerei im 14. und 15. Jahrhundert.

auf dem Boden der Scholastik, welche auf verstandesmäßigem Wege das Göttliche in den sinnlichen Erscheinungen erkennen will, er wendet sich daher in erster Linie an den Verstand des Beschauers. Um diesem das Gedankliche zu verdeutlichen, bedient sich Giotto als Hauptmittel der Anordnung und Zusammenstellung des Inhaltes; in der Erfindung des Ganzen liegt daher seine Stärke; er ist der erste große Meister der "Komposition".

In der Darstellung der Vorgänge, wie auch in der Gestaltung der Einzelheiten strebt er die innere Naturwahrheit an, das heißt den Eindruck wirklichen Lebens. Dies ist nicht gleichbedeutend mit unbedingter Naturtreue, welche die sinnliche Erscheinung ganz genau wiedergeben will; zu einer solchen völligen Naturnachahmung war Giotto noch nicht gelangt; aber der große Fortschritt bestand darin, daß er in der Einbildungskraft des Beschauers die Vorstellung des Natürlichen erweckte. Giottos Werke muß man von dem Standpunkte aus betrachten, daß der Künstler alle seine Kraft darauf verwendet, inneren Vorgängen, Gedanken und Empfindungen einen verständlichen Ausdruck zu geben. Er legt noch wenig Gewicht auf anmutige Schönheit, auf vollendete Zeichnung und Farbenstimmung; er arbeitet mit wenigen einfachen Farbentönen und behandelt die Formen mit einer gewissen Leichtigkeit, welche jedoch seinen Zwecken förderlich ist. Für Giottos Kunstweise, welche sich in großzügigen Entwürfen entfaltet, war die Wandmalerei mehr geeignet als die Tafelmalerei, da jener breiträumige Flächen zur Verfügung standen. Die bedeutsamsten Werke sind denn auch die Wandgemälde, und unter diesen wieder jene in St. Francesco zu Assisi (Fig. 337 a u. b), in St. Maria dell Arena zu Padua und Santa Croce zu Florenz (Fig. 338).

Giotto galt bei seinen Zeitgenossen - nicht nur in Florenz - als der erste und größte Meister Italiens, welcher die heimische Kunst wieder zum Leben erweckt und ihr eine volkliche Eigenart gegeben habe. Wir finden ihn auch im ganzen Lande thätig, in Assisi, Rom, Padua, Verona, Neapel und anderen Orten, also im Süden wie im Norden. Florenz bot ihm natürlich reiche Gelegenheit zu Schöpfungen; daß es ihn zum Obermeister des Dombaues berief, war bereits erwähnt. Seine Thätigkeit als Baumeister war allerdings nicht

^[Abb.: Fig. 341. Spinello Aretino. Der hl. Benedict erweckt einen Mönch wieder zum Leben.

San Miniato al Monte.]