Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei im 14. und 15. Jahrhundert

372

Die Malerei im 14. und 15. Jahrhundert.

Perugino. In Pietro Vanucci gen. Perugino (1446-1524), erstand der umbrischen Kunst nun ein Meister, welcher derselben einen bestimmenden Einfluß auf die gesamte Entwicklung zu verschaffen vermochte, so daß eine Zeit lang sogar der Florentinische überflügelt erschien. Perugino hatte seine Ausbildung bei Verrocchio beendet und sich dabei gründlich geschult. Anfänglich noch zwischen verschiedenen Richtungen schwankend, gewann seine ursprüngliche Begabung bald die Oberhand, und er gelangte zur vollen Selbständigkeit. Er vereinigte so ziemlich alle Vorzüge in sich, welche den einzelnen Florentinern eigen sind, jedoch in voller persönlicher Eigenart. Das Liebenswürdig-Anmutige, die tiefe Innigkeit, die sorgfältige Zeichnung und die maßvoll edle Formschönheit geben den Werken seiner besten Zeit eine Bedeutung, welche den Ruhm, den er genoß, wohl rechtfertigt. Sein hauptsächlichstes Verdienst liegt in der Verwertung der Farbe; er hatte sich die Oelmalerei in einer Weise angeeignet, wie es keinem seiner Vorgänger gelungen war, und die satte Leuchtkraft, der warme Ton, die durchsichtige Helle seiner Farbengebung erregte selbst die Bewunderung der Florentiner.

In dieser Beziehung wurde er vorbildlich, und da man den Farbenkünstler in ihm zum Vorbild nahm, übte er auch in anderen Punkten seinen Einfluß aus. Die übertriebene Wirklichkeitstreue, welche die eine Gruppe in Florenz kennzeichnete, war wohl schon von Botticelli und Ghirlandajo zurückgedrängt worden; und Letzterer hatte, wie vorhin erwähnt, dafür den Weg zu einer feierlichen, erhabenen Großzügigkeit gewiesen. Perugino leitete wieder zur anmutigen Feinheit und zum Gemütvollen zurück, und daß Ghirlandajos Kunstweise nicht jenen nachhaltigen Einfluß üben konnte, der ihr sonst zugekommen wäre, hat in erster Linie Perugino verursacht.

Die Absicht, das Gemüt zu rühren durch eine ebenso eindringliche, wie maßvolle, alles Heftige vermeidende Wiedergabe des Seelischen, der innerlichen Bewegung, die Geschicklichkeit im Aufbau und in der Anordnung, die meisterhafte Behandlung der Form und Farbe zu einer wahrhaft "schönen" Wirkung zeigen sich am besten in der Kreuzabnahme zu Florenz und in dem Gekreuzigten. (Fig. 363 u. 364.) Der erworbene wohlverdiente Ruhm wurde jedoch dem Meister zum Verhängnis. Mit Aufträgen überhäuft arbeitete er mit riesenhaftem Fleiß über die körperlichen Kräfte hinaus, gewöhnte sich damit an das Hasten und an Wiederholungen, anstatt neues zu ersinnen, nahm auch stark Gehilfen und Schüler in Anspruch, die minderwertig waren. Seit 1500 ist seine Kunst in entschiedenem stetigen Niedergang, und sein großer Schüler Raphael verdrängte ihn bald von der Höhe des Ruhmes. Nur vereinzelte Werke aus dieser Spätzeit lassen noch die ursprüngliche Kraft des Künstlers erkennen, und wie weit ihn der Schüler übertraf, lehrt ein Vergleich seiner "Vermählung Marias" mit jener Raphaels.

Wenn ich schließlich noch hinweise auf die vorzügliche Durchbildung der Körperformen (man beachte die Gestalt des hl. Sebastian in Fig. 365) und auf die meisterhafte Behandlung des Landschaftlichen, welches er mit dem Figürlichen in völlige Uebereinstimmung bringt, so dürfte damit genügend die hohe Bedeutung Peruginos gekennzeichnet sein.

^[Abb.: Fig. 358. Botticelli: Venus.

Florenz. Ufficien. (Aus der "Geburt der Venus")]