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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Zeit der "Renaissance"

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Die Zeit der "Renaissance".

ihren Blick an den Formen der Antike zu schulen und dadurch zu einem geläuterten, d. h. von der künstlerischen Einbildungskraft gefundenen Schönheitsbegriff zu gelangen. Sie blieben ausschließlich auf die Beobachtung der Natur angewiesen, und hierin waren sie auch ungünstiger gestellt als die Italiener, denen auch im gewöhnlichen Leben das Schöne reichlicher sich darbot. Die Tracht zu Beginn des 15. Jahrhunderts war nichts weniger als schön, vielmehr in abenteuerlicher Weise entartet und verhinderte geradezu den Blick, die Formen des ganzen Körpers zu erfassen. Der beweglichere Südländer lebt auch mehr mit dem "ganzen Leibe", und drückt seine Empfindung in allen Bewegungen desselben aus.

Man betrachte nur einmal einen erregten Romanen: nicht nur in den Zügen und den Augen, sondern auch in den ausdrucksvollen Geberden, in der gesamten Haltung des Körpers, von den Fingern bis herab zu den Füßen, prägt sich das leidenschaftliche Gefühl aus. Die italienischen Bildner waren daher gewohnt, die ganze körperliche Erscheinung ins Auge zu fassen, während die Deutschen sich auf den "Kopf" beschränkten, und daher ihr Schönheitsgefühl nur in diesem zur Geltung bringen konnten.

Dem Deutschen ist auch nicht jene natürliche Anmut im Gebahren und Bewegen zu eigen, welche die Südländer besitzen, bei ihm überwiegt das Kräftige, und wenn noch dazu, wie im 14. und 15. Jahrhundert, Sitten und Gebräuche auf das Derbe und Rauhe

^[Abb.: Fig. 480. Veit Stoß: Altar in der Marienkirche.

Krakau.]