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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Zeit der "Renaissance"

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Die Zeit der "Renaissance".

Das beste Beispiel für diese durch Feinheit und Zierlichkeit glänzende Art ist die Kirche S. Pierre in Caën (1521), an welcher all die vorgenannten Eigentümlichkeiten in Erscheinung treten (Fig. 493). Die Grundformen der Baufügung sind vollkommen gotisch; die Strebepfeiler sind jedoch antik gebildet und tragen Leuchteraufsätze; der Spitzbogen und das Maßwerk sind verschwunden, dafür treten Gesimse und Friese auf, das ganze Mauerwerk ist mit Arabesken verziert.

Schloßbauten. An Zahl und Bedeutung übertreffen auch in Frankreich die weltlichen Bauten die kirchlichen. Der prachtliebende König Franz ging in der Anlage großartiger Schlösser seinem Adel und den Kirchenfürsten voran, welche auf ihren Landgütern sich nun auch behagliche und glanzvolle Wohnsitze errichteten. Während die italienischen Paläste fast durchweg in Städten sich befanden, und die Landhäuser (Villen) ihren eigenen einfachen Stil besaßen, sind die französischen Schloßbauten zumeist auf dem Lande entstanden und sollten als Lustorte dienen. Ort und Zweck bedingten auch eine andere Anlage, und dies erklärt schon einerseits die Verschiedenheit von dem italienischen Palaststil, andererseits die besondere Eigenart dieser Schlösser. Man war hinsichtlich des Raumes nicht gebunden und brauchte nur auf die landschaftliche Umgebung Rücksicht zu nehmen, die wieder durch gärtnerische Anlagen mit dem Bau in Einklang gebracht werden konnte. Die Hauptsache war Weiträumigkeit im Inneren, um eine große Zahl von Gästen aufnehmen und Feste veranstalten zu können, sowie heiteres gefälliges Aussehen, das zu dem frohen ungezwungenen Landleben paßte.

Von der alten Bauweise behielt man einige Grundzüge bei, vor allem das hohe, steile Dach und die Giebel, dann die Ecktürme, die nun nicht mehr einen wehrhaften Zweck hatten, sondern in der Regel die Wendeltreppen aufnahmen; neu sind dagegen die Regelmäßigkeit des Grundrisses und der Einteilung, die weiten und hohen Fenster, die zierliche Ausgestaltung der Essen, hauptsächlich natürlich das ganze Schmuckwerk, mit der Verwendung von Wandpfeilern, Halbsäulen, Gesimsen, Friesen in antiken Formen.

Schloß Chambord. (Fig. 494.) Schon 1510 hatte Kardinal Amboise in Gaillon ein Lustschloß in diesem Stile erbaut, 1523 entstanden das malerisch-reizvolle Schloß Chenonceaux und als das prächtigste dieser Gattung das Lustschloß Chambord, welches Franz I. inmitten eines Waldes von dem französischen Baumeister Pierre Neveu, genannt Trinqueau, errichten ließ. An demselben finden sich die oben genannten bezeichnenden Eigentümlichkeiten vollkommen ausgeprägt.

Der Mittelbau ist ein gleichseitiges Rechteck mit weitläufigen runden Ecktürmen und einem großen Kuppelturm in der Mitte, welcher das Treppenhaus enthält. Mit diesem stehen vier im Kreuz angelegte Säle in Verbindung, deren Decken kassettierte Tonnengewölbe bilden. An die vorderen Ecktürme schließen sich zwei niedrigere Flügel an, welche die Verbindung mit dem mächtigen (etwa 145 m breiten, 100 m tiefen) äußeren Umfassungsbau herstellen, der ebenfalls runde Ecktürme besitzt. Die drei Geschosse des Hauptbaues

^[Abb.: Fig. 496. Schloß St. Germain.]