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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei des 16. Jahrhunderts

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Die Malerei des 16. Jahrhunderts.

auf die Darstellung des menschlichen Körpers in den verschiedensten Haltungen legt. Der Karton soll nach den Berichten ein ungeheures Aufsehen bei den Künstlern erregt haben, die von weither kamen, um nach demselben zu studieren. Jedenfalls hatte er damit seine außerordentliche Meisterschaft in der Zeichnung bekundet, die ihn über alle anderen, selbst Lionardo, erhob. Das Werk ist leider zerstört worden und wir kennen es nur aus Nachbildungen. Der Künstler stellt nicht einen Vorgang aus der Schlacht selbst dar, sondern den Augenblick, in welchem badende Soldaten vom Feinde überrascht werden; dies gab ihm Gelegenheit, nicht nur die nackten Körper in den verschiedensten Stellungen, sondern auch die mannigfachen Gemütsbewegungen und damit die Eigenart der einzelnen wiederzugeben.

Sixtinische Kapelle. Im Jahre 1508 erhielt nun Michelangelo den Auftrag, die Sixtinische Kapelle mit Gemälden zu versehen. In kaum viereinhalb Jahren (1508-1512) führte er ohne Gehilfen ein Riesenwerk zu Ende, welches in Wahrheit seinesgleichen nicht findet. Der Meister wählte zum Gegenstand die Geschichten des alten Testamentes, vielleicht richtiger gesagt: er wollte die religiös-gedankliche Geschichte der Welt von der Schöpfung bis zur Erscheinung des Heilands schildern. Er teilte die Gewölbedecke durch gemalte Baugliederungen in vier große und fünf kleine Felder, welche die Hauptbilder enthalten: das Chaos, Erschaffung der Himmelslichter, der Tierwelt, des ersten Menschen und Evas; dann den Sündenfall, Abels Opfer, Sintflut und Noahs Trunkenheit. Die Dreieckfelder zwischen den Stichkappen sind mit den übermenschlichen Riesengestalten der (7) Propheten und (5) Sibyllen ausgefüllt; in den Stichkappen selbst und in den Schildbogen schildert er die Vorfahren Christi in verschiedenen Familienvorgängen. Die Eckzwickel enthalten: die eherne Schlange, Hamans Kreuzigung, Judith und Holofernes, David und Goliath.

Man ersieht daraus, wie alle einzelnen Bilder in gedanklichem Zusammenhang stehen und somit das Ganze auch einen einheitlichen Gedanken ausdrückt. Getrennt und andererseits wieder zusammengehalten wird es ferner durch die schon erwähnten Bauglieder und durch zahlreiche menschliche Gestalten in allen Lebensaltern und den vielfältigsten Bewegungserscheinungen, durchwegs aber von einer Kraftfülle und Gewaltigkeit des Ausdrucks, die fast erdrückend wirken. Trotz der riesigen Zahl von Gestalten wird man aber nirgends auch nur die kleinste Wiederholung finden; jede ist von ganz besonderer "persönlicher" Eigenart und ebenso auch jede Bewegung; in der Erfindung neuer Formen derselben ist der Geist des Meisters unerschöpflich. Bei aller Gewagtheit in diesen Erfindungen geht er aber nie über die Lebenswahrheit hinaus; die Stellungen sind oft ungewöhnlich und seltsam, man könnte sagen gezwungen, aber nie unnatürlich und die Gezwungenheit ist durch die Umgebung begründet. Wenn ich oben sagte, daß keine Wiederholung stattfinde, so gilt dies selbst von jenen Gestalten, welche mehrmals auftreten,

^[Abb.: Fig. 516. Michelangelo: Pfeilerfigur aus dem Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle.

Rom, Vatikan.]