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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei des 16. Jahrhunderts

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Die Malerei des 16. Jahrhunderts.

greifender Holdseligkeit geschaffen - in seiner Art. Es ist auch ein ins Erhabene gesteigerter Liebreiz, der noch den unmittelbaren Hauch des Göttlichen an sich trägt und nicht durch das sündig Irdische herabgezogen und "vermenschlicht" ist.

Daß dies ganze Gemälde nicht malerisch in Farbenstimmung, sondern bildnerisch empfunden ist, darf nicht übersehen werden. Die Meißel- und nicht die Farbenkunst hat an ihm den meisten Anteil. Damit wird der Wert dieser unvergleichlichen Schöpfung nicht herabgemindert, wohl aber ihr die richtige Stellung innerhalb der Kunst zugewiesen. Sie ist die vollendetste Zeichnung, oder anders gesagt: bildnerische Darstellung auf ebener Fläche. Ueber zwanzig Jahre ließ nun Michelangelo den Pinsel ruhen - wenigstens schuf er nichts Bedeutenderes - bis er dem vorerwähnten Deckengemälde in dem Altarbild ein Seitenstück gab und damit die Malereien in der sixtinischen Kapelle abschloß. Gab das Deckenbild die Entstehung der Welt, so bietet nun die Altarwand die Schilderung des Endes: das jüngste Gericht (gemalt 1535-41). Nimmt man das vorgenannte Werk zum Maßstab, dann wird man in dem letzteren unzweifelhaft eine Erschlaffung der künstlerischen Kraft Michelangelos erkennen müssen, die durch das Alter und die vielen Kümmernisse genügend erklärt ist. Die hervorragenden Eigenheiten seines Wesens zeigen sich jedoch auch hier: die Kraft, der Ausdruck des Gedanklichen, der Mannigfaltigkeit der Gestaltungs-Erscheinungen. Leider ist dieses Wandgemälde halb zerstört. Durch den Rauch der Altarkerzen wurde es so geschwärzt, daß die ursprüngliche Farbenwirkung verloren ging; sodann hatte man Anstoß genommen an der Nacktheit der Gestalten, und ein Schüler Michelangelos (Daniele da Volterra, der dafür den Beinamen "Hosenmaler" erhielt), mußte Gewandstücke hineinmalen; auch späterhin wurden noch Uebermalungen vorgenommen. Dennoch ist die Wirkung noch immer mächtig ergreifend, das Weltende mit allen seinen Schrecken ist niemals mit großartigerer Düsterheit wiedergegeben worden. Der schreckhafte Zug überwiegt auch hier, selbst die Gruppen der Seligen stehen gewissermaßen noch im Banne des erschütternden Richterspruches und wagen noch nicht, sich recht zu freuen. Auch in Marias Haltung spricht sich das Bangen dieses schicksalsschweren Gerichtstages aus. Michelangelo war 66 Jahre alt, als er dies Bild vollendet hatte. Aus den späteren Jahren kennen wir nur noch Zeichnungen, Studienblätter von oft unvergleichlicher Schönheit, welche den hohen Geist des Meisters immer bewundern lassen.

Raphael. Die Gefahr, welche in dem alle Schulmeinungen umstürzenden Auftreten Michelangelos lag, daß die schwachen Nachahmer in künstlerische Zuchtlosigkeit und in Uebertreibung des Aeußerlichen verfallen müßten, war in der Malerei nicht minder gegeben wie bei der Bildnerei. Auf letzterem Gebiete trat sie auch ein, weil er keinen Gleichwertigen neben sich hatte. Einen solchen fand er aber in der Malerei, und zwar ergänzte dieser

^[Abb.: Fig. 518. Michelangelo: Christus aus dem Jüngsten Gericht.

Sixtinische Kapelle.]