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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei des 16. Jahrhunderts

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Die Malerei des 16. Jahrhunderts.

Sache; in seinen Gruppen erscheinen die einzelnen Gestalten ohne besondere innerliche Teilnahme an dem Vorgang, jede für sich ist aber von hohem malerischen Reiz. Das vollendete Urbild seiner Frauengestalten ist die heilige Barbara in S. Maria Formosa zu Venedig; der Farbenzauber dieses Bildes läßt auch die Mängel der Form gänzlich übersehen. Die "drei Schwestern" in der Galerie zu Dresden sind eine Probe von der Art, wie er seine zahlreichen Frauenbildnisse malte, zu denen auch mehrere Darstellungen der Venus gehören. Daß der Meister aber nicht blos den sinnberückenden Körperreiz des Weibes zu schildern verstand, sondern auch für geistige Kraft und Bedeutsamkeit den wirkungsvollen Ausdruck zu finden wußte, lehrt sein Selbstbildnis.

Tizian. Sehen wir in Giorgione den Maler der "Stimmung", der zarten Anmut und des landschaftlichen Reizes, in Palma den Verherrlicher der sinnesfreudigen, aber der Innerlichkeit entbehrenden Frauenschönheit, so tritt uns in Tizian der Meister entgegen, welcher, die Vorzüge der anderen in sich vereinend, zu diesen noch jene der Kraft und seelischen Vertiefung fügt und in der reinen Farbenkunst das höchste erreicht.

Es mag gleich hier ausgesprochen werden, daß ich Tizian den vollendetsten Maler des 16. Jahrhunderts nenne, weil er seine künstlerischen Gedanken und Absichten mit dem "ureignen" Hauptausdrucksmittel der Malkunst: der "Farbe", in vollkommenster Weise verwirklicht. Er sieht alles in Farben und bildet mit den Farben. In dieser Hinsicht übertrifft er die drei Hauptmeister Roms, welche der bildnerischen Formgesetze nicht ganz entraten können, nur Correggio reicht an ihn heran, den er aber an geistiger Auffassung überragt.

Tizian war in dem Bergorte Pieve di Cadore, inmitten einer der herrlichsten Gebirgslandschaften der Südalpen, geboren. Wer da mit eigenen Augen gesehen hat, welchen Farbenzauber die Natur in den Dolomiten entfaltet, wie sie dort die großartige Formenwelt der Berge mit "Tönen und Tinten bemalt", welche der Unkundige für unmöglich und unglaublich hält, dem wird es nicht wunderbar erscheinen, wenn ein empfängliches "malerisches Gemüt" von dorther Farbenschwärmerei mitbringt. Daß auf Tizian auch die heimatliche Natur einen dauernden Eindruck gemacht hat, dafür zeugen die landschaftlichen Hintergründe vieler seiner Bilder, welche jene seltsamen "Stimmungen" wiedergeben, obwohl der Meister den Hintergrund in der Regel mehr als Nebensache behandelt. Das Landschaftliche in Tizians Bildern wird auch nicht in dem Maße gewürdigt, als es seiner Bedeutung nach dies verdienen würde. (Aus den Abbildungen in schwarz läßt sich die Sache allerdings schwer ersehen, aber bei Besichtigung von Gemälden in Galerien möge man darauf achten.) Im Jahre 1487 kam Tizian nach Venedig zu einem Mosaikarbeiter (Zuccato), bei dem auch wieder sein Farbensinn angeregt wurde, dann zu Gentile und Giovanni Bellini,

^[Abb.: Fig. 544. Giorgione: Sturm.

Auch genannt: Familie des Giorgione). Venedig. Galerie Giovanelli.]