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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

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Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts.

Seinen Ruf hatte Bernini begründet durch den Hauptaltar in der Peterskirche (Fig. 590). Bei deren Grundanlage als Centralbau und ihren ungeheuren Verhältnissen war es schon schwierig, die Stelle für den Altar zu bestimmen: wollte man ihn, wie gewöhnlich, an das Ostende verlegen, so hätte er gleichfalls riesig gestaltet werden müssen, um noch Eindruck zu machen. Der einzig richtige Platz, und das erkannte Bellini, war jener unter der Kuppel, wo er auch als Mittelpunkt der Kirche erschien. Mit feinem Verständnis rückte ihn Bellini jedoch etwas nach hinten, damit der Aufblick zur Kuppel nicht behindert werde. Ebenso ist der ganze Aufbau des Altars den Verhältnissen angepaßt; gegenüber den gerade aufstrebenden Riesenlinien der Bauglieder kommen die geschwungenen und bewegten Formen des Altars zur eindrucksvollen Geltung. Er ist als ein Thron-Himmel gedacht, dessen Dach jedoch durch einen durchbrochenen Aufbau ersetzt wird, weil eine andere, geschlossene Ueberdeckung den Altar verfinstert hätte.

Daß sodann Bernini den Ausbau der Peterskirche vollzog, wurde bereits erwähnt. Nachdem der Versuch gescheitert war, durch Seitenthürme die Stirnseite gegenüber der mächtigen Kuppel zur Geltung zu bringen, fand er in der Anlage der Säulenhallen die glückliche Lösung dieser Aufgabe. Die Gesetze der Perspektive sind dabei in so geistreichem Weise verwertet, daß damit schon die große Kunst des Meisters bewiesen erscheint. Diese sichere Berechnung der perspektivischen Wirkung zeigt sich auch bei der Anlage der Scala regia (königlichen Treppe) im Vatikan, die eines der Prachtstücke dieses Palastes ist (Fig. 591). Auch in seinen anderen römischen Kirchenbauten, sodann in den wirkungsvollen Brunnenanlagen (Fig. 592) erweist sich Bernini als ein Meister von hoher Erfindungsgabe und vornehmem Geschmack, nicht minder aber auch völlig unabhängig von allen Lehrmeinungen und Regeln.

Borromini. Bernini beherrschte das Gebiet der Baukunst derart, daß neben ihm kein anderer aufzukommen vermochte, obwohl es an einem ernstlichen Nebenbuhler nicht fehlte. Es war dies Francesco Borromini (1599-1667), der an hochstrebendem Geist und Kühnheit der Gedanken sicherlich hinter Bernini nicht zurückstand. Bei verschiedenen Werken desselben war er mitbeteiligt, und seine eigenen Bauten geben Zeugnis von den hervorragenden künstlerischen Fähigkeiten, welche ihm wohl unter anderen Umständen das Anrecht auf eine "erste Stelle" gegeben hätten. Im Wetteifer mit Bernini ließ er sich jedoch verleiten, über das richtige Maß hinauszugehen, um starke Wirkungen zu erzielen. Dadurch erhielten seine Werke etwas Unruhiges, und neben fein erdachten Einzelheiten finden sich Uebertreibungen, welche das Ganze schädigen. Man erzählt, daß der Neid auf Berninis Ruhm ihn zum Selbstmord getrieben habe; vielleicht war es mehr noch die Erkenntnis, daß zur Verwirklichung seiner hochfliegenden Pläne, einen alles übertreffenden "neuen Stil" zu erfinden, trotz seiner unleugbaren Kunstfertigkeit und geistigen Beweglichkeit

^[Abb.: Fig. 599. Palazzo Non-Finito.

Florenz.]