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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

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Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts.

Geiste, ob es nun um Gotik oder um die Antike sich handelte; seine Weise entsprach auch den Anschauungen seiner Zeit, dem Denken und Empfinden des Volkes, das seinen Blick auf die "Welt" richtete, sein Gefühl aber ausschließlich der Heimat widmete. Kein besseres Denkmal konnte ihm gesetzt werden als die einfache Inschrift auf seinem Grabe in der St. Paulskirche: "Leser, wenn Du sein Denkmal suchst, blick um Dich!"

Vanbrugh. Wren erscheint als Vertreter des englischen Volkstums; den Anschauungen des königlichen Hofes gab Ausdruck sein Nebenbuhler John Vanbrugh (1666 bis 1726), aus niederländischem Stamme entsprossen. Das Haus Stuart hatte zwar wieder den Thron erlangt, aber dessen katholische Neigungen stießen auf scharfen Widerspruch im Volke, in welchem die Herrschaft der Puritaner unter Cromwell den protestantischen Geist gefestigt hatte. Nicht nur die Strenggläubigen, auch die englische Hochkirche (Bischofskirche) waren entschlossen, den Katholizismus auszurotten. Noch mehr erbitterte das Volk das offenkundige Bestreben des Hofes, die Königsgewalt zu stärken und eine Selbstherrschaft, wie auf dem Festlande zu begründen, sowie die Sittenlosigkeit und verschwenderische Leichtfertigkeit der Günstlinge und des Hochadels. Eine tiefe Kluft schied Hof und Volk, und dies mußte sich auch in der Kunstweise der beiderseits bevorzugten Meister ausdrücken.

Vanbrugh schuf fast ausschließlich weltliche Bauten, Schlösser (Fig. 647) und Landsitze für einen prachtliebenden Adel, und es ist daher erklärlich, daß er dabei weit mehr an französische Vorbilder sich halten mußte, als an die Grundsätze Wrens. Starke, eindrucksvolle Wirkung wurde gefordert und dazu war - insbesondere in betreff der Innen-Räume - das Barock geeigneter, als das Klassische. Wenn aber auch Vanbrugh die großzügigen, erhabenen Formen und die Schmuckfülle in echt barocker Weise anwandte, so trug er doch der englischen Sonderart Rechnung, indem er auf die gewohnte "Bequemlichkeit" und "Wohnlichkeit" sorgfältig Rücksicht nahm. Diese englischen Schloßbauten stehen an Zierlichkeit und Feinheit des Geschmackes weit hinter den französischen, aber sie sind behaglicher. Die Großartigkeit, die man ihnen geben wollte, wird nicht selten zur Derbheit - auch darin spricht sich der Unterschied zwischen der französischen und englischen Gesellschaft aus -, die barocke Keckheit zeigt sich mehr in der Behandlung der Massen, als in der Durchbildung der Einzelheiten, welche oft rücksichtslos vernachlässigt wird.

Die klassische Richtung. Die endgiltige Vertreibung der Stuarts, der Uebergang des Thrones an das Haus Oranien, dem bald das Haus Hannover folgte (1714), blieben nicht ohne Einfluß auf die Geschmacksrichtung. Schon bei Lebzeiten der vorgenannten Barock-Meister waren Bestrebungen zu Tage getreten, die auf eine strengere Beachtung der Antike abzielten, denn "diese nachahmen heiße die Natur nachahmen"; mit diesem Grundsatze wollte man ausdrücken, daß die höchste und reinste, die natürliche Schönheit allein in der Antike zu finden sei. Bezeichnend ist es immerhin für den englischen Geist, daß zu einer Zeit wieder auf die Natur hingewiesen wurde, in welcher man anderwärts in Unnatürlichkeit schwelgte. Hier hatte sich aber der echt germanische Zug des starken Naturgefühls zähe lebendig erhalten (ebenso auch in Holland), und die verschiedene Stellung, welche Italiener, Franzosen und Engländer gegenüber der Natur einnahmen, läßt sich trefflich beobachten in den Gartenanlagen, man braucht nur einen französischen mit einem englischen "Park" zu vergleichen. Auf die Natürlichkeit hatte auch der Philosoph Graf Shaftesbury verwiesen, der die Lehre aufstellte: die Schönheit liegt in der Wahrheit. Die Kunst solle die Wirklichkeit, die wahrhaftigen Dinge wiedergeben, diese aber in ihrer Gänze erfassen. Es mag auffällig erscheinen, daß allezeit, wenn Geschmack und Geistesrichtung sich der Natur zuzuwenden beginnen, die reine Antike auf den Schild erhoben wird. Der Gedanke, daß die klassische Formensprache die einzig natürliche sei, ist seit der Zeit der Humanisten unausrottbar eingewurzelt. Die Forderung nach Natur und Wahrheit führte daher auch in England geradewegs zum "strengen Klassizismus". Der Schotte Colen Campbell (+ 1729), der in seinem Tafelwerke "Vitruvius Brittanicus" Palladio als den einzig vorbildlichen Meister feierte, William Kent (1684-1748), der die Arbeiten von Inigo Jones herausgab, und William Chambers (1726-1796) können als die Hauptvertreter dieser Rich-^[folgende Seite]