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Kochschule und Ratgeber für Familie & Haus

Autorenkollektiv, Verlag von Th. Schröter, 1903-1905

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Ruhe und Erholung auf dem Lande und in den Bergen unseres schönen Vaterlandes. Die Zeit der Heimkehr ist dieses Jahr wohl auch für die meisten dieser Ausflügler wieder da, aber man erinnert sich noch lange der genossenen Freuden und spürt neue Lebenskraft und Schaffenslust. Wer mit Glücksgütern reichlich gesegnet ist, der findet ums liebe Geld in der Stadt und auf dem Lande leicht alles, was er zum Leben braucht, ohne sich irgend welche Verbindlichkeit oder Verpflichtung aufzuladen. Aber eine schwere Menge ist nicht in dieser angenehmen Lage, oder will sonst aus einem Grund nicht finanzielle Opfer für solche Sachen bringen. Wie gerne erinnert man sich in diesem Fall der lieben Verwandten und Bekanntschaft auf dem Lande; man möchte einmal auf kurze oder längere Zeit bei denselben einkehren, l. Kinder oder ein kränkliches Familienglied dort unterbringen, die Verwandten und Bekannten sind zwar nur sehr einfache Leute, aber sie wohnen doch so heimelig, daß man es schon aushalten kann; ja in den Vorratskammern ist oft mancher gute Bissen aufgespart, auf den man sich im Geheimen freuen darf. Zur Ehre der Landbevölkerung sei es gesagt, man tut in solchen Fällen bei denselben selten eine Fehlbitte, (Ausnahmen gibts natürlich überall); selbst gegen ganz Fremde ist man freundlich und zuvorkommend, denn Gastfreundschaft wird als Pflicht angesehen und gern gewährt.

Ist der Raum noch so klein, das beste Stübchen - ja oft das eigene Bett wird dem Gast abgetreten, für Verwandte und Bekannte wird ein kleiner Schmaus hervorgezaubert, oft mit vieler Mühe, da man in der Einsamkeit sich oft weit her verproviantieren muß. Wie gern opfert der Landbewohner oft einen ganzen Tag um dem Gast eine Freude zu bereiten.

Nur mit Bedauern trennt man sich nach kürzerem oder längerem Aufenthalt von so lieben Menschen. Natürlich werden dieselben eingeladen ja auch einmal nach der Stadt zu kommen, um die dortigen Herrlichkeiten anzustaunen, vielleicht an einem großen Fest Teil zu nehmen und zugleich einen Gegenbesuch zu machen.

Selten jedoch entschließen sich die Landleute zu solchen Reisen, aber es kann doch vorkommen. Man muß etwa zu einem berühmten Arzt, man hat Geschäfte oder man will sich doch auch mal im Leben was gönnen, und da man ja so freundlich von den Bekannten oder vielleicht Verwandten eingeladen wurde, kann man sich eher dazu entschließen.

Oft hörte ich aber sagen: Wie ganz anders sind doch die Menschen, wenn sie wieder in der Stadt wohnen. Wir haben unsere Bekannten von der Sommerfrische her beinahe nicht wieder erkannt, oder vielmehr sie wollten uns nicht wieder erkennen. Von einer freundlichen Aufnahme war wenig zu spüren, wohl aber an leeren Entschuldigungen: man habe leider keinen Platz, um ein Bett für Gäste aufzustellen oder das Besuchszimmer sei eben vermietet. In der Stadt aber gebe es so viele Hotels, wo man gut und billig logieren könne, leider habe man auch keine Zeit zu einem Spaziergang, man habe für heut andere Verpflichtungen eingegangen oder man müsse ins Geschäft. Kurz man wird oft so schnell wie möglich abgeschoben. Da konnten sich denn die Landleute des Gefühls nicht erwehren, daß die Städter, die ihre Gastfreundschaft oft in reichem Maße genossen, sich ihrer in der Stadt schämten, weil die Toilette nicht modern, oder das Auftreten bäuerisch und unbeholfen war. Ja man schämte sich mit einem solchen Landbewohner öffentlich in der Stadt sich zu zeigen, dessen Kleider man in der Sommerfrische jedoch für ein paar Stunden gern getragen, wenn man bei einem Ausflug von einem Gewitter durchnäßt oder sonst in Verlegenheit geraten war.

Welche Meinung über städtische Bildung also Behandelte mit nach Hause nehmen, kann sich jeder selbst vorstellen und die Folgen auch.

Gewiß gibt es auch viel Fälle von richtiger städtischer Gastfreundschaft, und angeborene Noblesse wird trotz ungleicher Verhältnisse den richtigen Takt in allen Lebenslagen finden. Sicher kann man in der Stadt bei den teuren Mietpreisen nicht über so viel Raum verfügen, wie auf dem Lande, aber gewöhnlich treten die Landleute in der Stadt auch sehr bescheiden auf und machen nicht große Ansprüche, so daß sich gegenseitige Gastfreundschaft bet gutem Willen fast immer erweisen läßt. Wenn sich die Städter, oft nicht ohne Grund, über die unmoderne Kleidung und das linkische Benehmen der Landbewohner bei einem Stadtbesuch lustig machen, sogar wenn sie selbst vielleicht auf dem Lande geboren und erzogen waren, aber nun in der Stadt vergessen haben, daß sie auch einmal vielleicht solche Naturmenschen gewesen, so gibt es für die Landleute manchmal auch Anlaß, darüber nicht zu lachen, aber sich zu ärgern, wenn z. B. während der Ferienzeit die Stadtkinder aufs Land einrücken. Ich hörte schon oft klagen, man sollte nicht glauben, daß diese Kinder, die so gute Schulen besuchen, in so gebildeten Kreisen aufwachsen, sich so unartig aufführen könnten, wenn sie aufs Land kommen, so daß sie ein Schreck sind, anstatt eine Freude, weil sie Alles verderben, herunterreißen, sich unhöflich gegen ältere Leute benehmen, weil sie sich gescheiter dünken wegen ihres städtischen Schliffes. Alles das unter dem Deckmantel der Ferienfreiheit!

Keine Regel allerdings ohne Ausnahme. Es gibt in beiden Lagern liebe Menschen, die einander achten und wertschätzen, trotz der feinern oder massivern Hülle. Für diese sind diese Zeilen nicht geschrieben, sie sollen überhaupt nur den Zweck haben, das Verhältnis im Verkehr zwischen Stadt und Land in freundliche Bahnen zu lenken und wenn es nur in einigen Fällen geschieht.