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Kochschule und Ratgeber für Familie & Haus

Autorenkollektiv, Verlag von Th. Schröter, 1903-1905

Kochschule und Ratgeber für Familie & Haus

XIII. Band. Nr. 41

Erscheint wöchentlich. Abonnement jährlich Fr. 2.50; als Beilage zum "Schweiz. Familien-Wochenblatt" gratis. Inserate die kleine Zeile 25 Cts.

Verlag Th. Schröter, Obere Zäune 12. Zürich.

1904. 8. April. Inhalt: Surrogate im Haushalte. - Zahnpflege. - Abfälle. - Hausmittel und Rezepte. - Kochrezepte. - Briefwechsel der Abonnenten unter sich. - Kleine Rundschau. - Inserate.

Surrogate im Haushalte.

Merkblatt ins Stammbuch unserer Hausfrauen.)

Von Dr. Ferdinand Gruselius.

Es gehört zu den beliebtesten Stoffen des populärwissenschaftlichen Feuilletons der Gegenwart, den Leser von den voraussichtlichen Nahrungsmitteln einer fernen Zukunft zu unterhalten, in der sich die Menschheit so ungeheuer vermehrt haben wird, daß an eine Befriedigung ihres Appetites mit den heute von der Viehzucht und dem Ackerbau hervorgebrachten Nährstoffen nicht mehr zu denken ist, in der aber auch aller Voraussicht nach die organische Chemie längst das Problem gelöst haben wird, Nahrungsmittel aus den Urstoffen zu überaus billigen Preisen herzustellen.

Wer in der glücklichen Lage ist, zum Gabelfrühstück sein von einem Mastochsen erster Qualität stammendes Lungenbeefsteak, das zwischen Zunge und Gaumen fast zerschmilzt, mit einem Glase echten Portwein herabzuspülen und bei den andern Mahlzeiten des Tages auf der Klimax der Genüsse von einer Sprosse zur nächsten weiterzusteigen, wird vermutlich ein gelindes Grauen vor den Delikatessen der Zukunft empfinden, bei denen nicht ein feister Koch oder eine dralle Köchin, sondern ein bebrillter Chemiker Pate gestanden hat, dem man seine Eprouvetten und Retorten schon von weitem ansieht. Der moderne Jünger Epicurs hat für die Gegenwart vollkommen recht mit seinem Bedenken; denn was uns die Industrie von heute an Ersatzmittel bietet, ist keineswegs immer besonders wohlschmeckend. Obendrein reicht auch noch die Nahrungsmittelproduktion der Erde und wird dank besseren und billigeren Transportgelegenheiten auch noch reichen, wenn den letzten der jetzt Lebenden längst kein Hunger und Durst mehr anwandelt. Das fortgesetzte Eindringen immer neuer Surrogate beweist aber doch, wohin die Zukunftswege führen und es dürfte deshalb am Platze fein, einmal darauf hinzuweisen, welche bedeutende Rolle sie schon jetzt in unsern Küchen spielen.

Der Verfasser beabsichtigt keineswegs, gegen alles, was unter den Begriff des Surrogates fällt, einen Tintenkrieg zu führen, der nur dort berechtigt wäre, wo das Surrogat zur dreisten Fälschung herabsinkt und dann auch gleich den Raum eines ganzen Lexikons der Nahrungsmittelverfälschung in Anspruch nehmen würde. Wenn man aber an die Definition des Begriffes "Surrogat" in Theorie und Praxis schreitet, gewahrt man bald, daß man auf ihn anwenden kann, was Schiller im Prolog zum Wallenstein sagt:

"Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,

Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte."

Das Surrogat soll, wie schon sein Name besagt, einen Ersatz bieten. Es soll also ungefähr dieselben Eigenschaften und den gleichen inneren Wert besitzen wie der Stoff, den es zu vertreten bestimmt. Hätte es den gleichen oder gar einen höheren Preis als dieser, so würde niemand sich veranlaßt sehen, sich des Surrogates an Stelle des zu ersetzenden Gegenstandes zu bedienen, es müßte denn gerade vor letzterem sogar bedeutende Vorzüge haben, in welchem Falle es aber kaum mehr als Surrogat bezeichnet werden kann. In solchem Falle erringt es sich, so lange auch ungerechtfertigte Vorurteile seinen allgemeinen Gebrauch aufhalten mögen, schließlich doch den ihm zukommenden Platz und erlangt die ihm gebührende Wertung als selbständiger Verbrauchsartikel. Das Surrogat im eigentlichen Sinne des Wortes soll aber auch bedeutende ökonomische Vorteile bieten. Es soll, rundweg gesagt, auch erheblich billiger sein als der zu ersetzende Gegenstand und da in dieser nach dem Ausspruche mancher Philosophen schlechtesten aller Welten "billig" und "gut" nicht immer nebeneinander liegen, läuft der Gebrauch eines Surrogates nicht selten auf eine Verminderung der Qualität hinaus, die von denjenigen, die sich mit seiner Fabrikation und Verkauf befassen, wie sich aus den Ergebnissen der Nahrungsmitteluntersuchung herausstellt, in einer großen Zahl von Fällen zur Fälschung benutzt werden.