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Kochschule und Ratgeber für Familie & Haus

Autorenkollektiv, Verlag von Th. Schröter, 1903-1905

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Erscheint wöchentlich. Abonnement jährlich Fr. 2.50; bet der Post bestellt 10 <5ts. mehr; als Beilage zum »Schweiz. Familien-Wochenblatt" gratis. Inserate die kleine geile 25 Cts.
Verlag Th. Schröter, Obere Zäune 12, Zürich.
1904. 13. November. Inbalt: Schenken. - Für fleißige Hände.  Die Suppe. - Hausmittel, und 3te-zevte  Gesundheitspflege.  Für die Küche.  Kochrezepte.  Briefwechsel der Abonnenten unter sich.  Eingesandt. - Neuheit.  Reklame.  Inserate.
Schenken.
Bon Marie Rasch.
Nicht immer bewahrheitet sich das Vibel-wort: "Geben ist seliger als Nehmen". Je weiter unsere Kultur sich entwickelt, um so mehr Gelegenheiten und Veranlassungen zum Schenken erfindet der moderne Mensch, und zwar oft wohl aus dem Grunde, die neuen und neuesten Erzeugnisse der Industrie zu verwerten. Wer dachte z. B. früher an Ostergeschenke? Ehrliche Kühnereier, mit Blauholz oder Safran gefärbt, wenn's hoch kam eine Apfelsine  das war's, was der Hase großen und kleinen Kindern bescherte. Jetzt werden alljährlich Hunderttausende umgesetzt in Schokolade, Zucker unb Marzipan, Galanteriewaren, frischen Blumen, Südfrüchten, Schmuckgegeuständen u. s. w., nicht zu gedenken all der Ansichtskarten; ja, für die Post legt der Hase jetzt goldene Eier. Und nun die Jubiläen! Oft gibt das zehn-, ja fünfjährige Wirken eines Mannes als Vereinsvorstand oder dergleichen schon Veranlassung, ihn zu feiern, ihm Geschenke zn machen, Dir Haben's auch darin "herrlich weit gebracht".
So kommt es, daß der beste, warmherzigste Mensch oft ungern daran geht, Geld auszugeben, um ein Geschenk zu machen, weil es ihm nicht Herzens-, sondern An-ftandssache ist, und es ließe sich über solchen Fall ein lehrreiches Kapitel einfügen von verkehrten Anschauungen und konventionellen Torheiten; heute jedoch möchte ich bei den fröhlichen Gebern verweilen, die bekanntlich Gott lieb hat und die, wenn sie ihren Zweck, andere zu erfreuen, nicht erreichen, aus Unkenntnis und Mangel an praktischem Sinn fehlen und die für einige Winke vielleicht dankbar sind.
Da besuchte ich letzten Sommer eine alte Freundin; ihr Mann ist Kantor in einem sächsischen Landstädtchen; das Pärchen hatte
kurz zuvor seine silberne Kochzeit gefeiert und wußte von diesem Feste' immer wieder zu erzählen. Schon in der Frühe habe der junge Hilfslehrer und die bekränzten Schulkinder das Jubelpaar mit einem Choral begrüßt, dann waren die Kirchen- und Gemeindevorstände erschienen und hatten "so schön" geredet, und alle Nachbarn, Verwandten und Freunde von nah und fern hatten sie überrascht und beschenkt. Sie führten mich durch den blühenden Garten, einen so recht idyllisch altmodischen, mit Lindenlaube und Bienenhaus, wo Levkoyen und der köstlichste Nelkenflor zwischen saubern Buchsbaumgehegen, ^-pinatbeeten und Bohnenstangen blühten, wo Eisenhnt und Feuerlilien blühten, kurz, eine Oase aus Großmutters Zeit. Dann ging's in die Wohnstube, die dreifenstrige, luftige, mit dem Tafelklavier und der Schwarzwälder Uhr und dem Pfeifenbrettchen hinter'm großen Kachelofen. In ihrer beispiellosen Sauberkeit, mit ihrem Sonnenschein nud dem schlichten Bürgerhausrat war diese Stube mir stets als das Vorbild von Traulichkeit und Gemütlichkeit erschienen  bei meinem jetzigen Eintritt vermochte ich ein bedauerndes "Ach!" nicht zu unterdrücken. Verschwunden war das Tafelklavier, an seiner Stelle prangte ein blanker Diplomatenschreibtisch aus Nußbaumholz mit Bronzebeschlägen, ein getriebenes, nie benutztes Metallschreibzeug auf der grünen Platte. Außerdem zierten das Prachtmöbel noch eine Stutzuhr im neuesten Stil mit zwei entsprechenden Vasen, ein gläserner Tafelaufsatz und auf der andern Seite  ein Champagnerkühler! Ueber dem Sofa, das mit gestickten Kissen überladen, blickte nicht mehr wie sonst Martin Luthers Charakterkopf von der Wand, sondern ein glänzend lackiertes Oeldruckporträt des Landesherrn von mindestens zweifelhafter Aehnlichkeit in blitzendem Goldrahmen. Tisch und Fußboden waren mit bunten Fußtep-pichen in ägyptischen Mustern bedeckt, und