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Kochschule und Ratgeber für Familie & Haus

Autorenkollektiv, Verlag von Th. Schröter, 1903-1905

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Sonnenlicht durchleuchteter Raum entschieden zuträglicher. Man braucht gar nicht die direkte Einwirkung des Sonnenlichtes in Anschlag zu bringen, schon der belebende Einfluß, den das Sonnenlicht auf den Geist und die Gemütsstimmung ausübt, ist von größtem Wert. Ein Kranker, der stetig in einem lichtarmen, halbdunklen Zimmer weilen muß, dünkt sich in einem Käfig zu sein, während ihn die goldenen hereinflutenden Sonnenstrahlen aus seiner Haft loslösen, ihn mit der Außenwelt in Verbindung setzen und ihn mit Lebensmut und Hoffnungsfreudigkeit erfüllen. Eine gefestigte, zuversichtliche Seelenstimmung ist aber nicht das nebensächlichste Heilmittel zur Wiedergewinnung der Gesundheit. Sobald die Kräftigung genügend weit vorgeschritten ist, soll man deshalb auch dem Genesenden die Wohltat verschaffen, am Fenster oder an einem sonst geeigneten Plätzchen ein Stündchen im milden Sonnenschein behaglich zuzubringen.
Ebenso huldigt man noch hinsichtlich der Krankenstubentemperatur vielfach veralteten Anschauungen. Die meisten Krankenstuben werden im Winter überheizt. Für die große Mehrzahl der Kranken reicht, wenn sie im Bett liegen, die gewöhnliche Zimmertemperatur von 15 Grad R. vollkommen aus. Eine allgemeine Regel für die Temperatur läßt sich allerdings nicht angeben, da die Art der Krankheit und der Körperzustand des Kranken in dem Einzelfalle bestimmend mitsprechen, aber eine niedrigere Temperatur ist noch immer vorteilhafter als eine unmäßige Neberhitzung. Bei einigen Krankheiten, beispielsweise beim Scharlach, sind je nach der Höhe des Fiebers bereits 12 bis 14 Grad R. genügend, und beim Typhus soll mau sogar auf 12 bis 13 Grad R. herabgehen. Um im Sommer einer Neberhitzung des Krankenzimmers entgegenzuwirken, ist das Aufhängen von feuchten Tüchern in der Nähe des Bettes empfehlenswert. Die verdunstende Feuchtigkeit entzieht der Luft Wärme, so daß die Temperatur in der Nmgebung des Kranken sinkt.
Bei der Behandluug der Krankheiten selbst ist das Festkleben an ehedem gültigen Vorstellungen und Heilmethoden noch um vieles verbreiteter. Noch immer begegnet man dem Glaubeu, daß eiternde Geschwüre, Flechten und Hautkrankheiten dem Körper schlechte Säfte entziehen, ihr Fortbestand daher nützlich, ihre Beseitigung aber schädlich sei, da sich dann der Krankheitsstoff nach einer andern Körperstelle hinziehe. Diese Ansicht ist ein Vermächtnis der alten Humoral-pathologie, die in einer falschen Mischung der Säfte den Nrsprung der Krankheiten suchte. Sie stammt noch aus jener Zeit, wo ein monatlicher Aderlaß zur vorbeugenden
Gesundheitspflege und zugleich zum guten Ton gehörte. Jedes länger bestehende, auch nicht gerade ernstliche Leiden schwächt den Körper, untergräbt seine Widerstandsfähigkeit und erhöhi auf der andern Seite seine Empfänglichkeit für die Erwerbung von Krankheiten. Von einer Schädigung durch das Vertreiben eines Leidens, wie man sich ausdrückt, kann nicht die Rede sein. Das Auftreten einer Krankheit ist, abgesehen von den Fällen, wo besondere Krankheitserreger mitwirken, ausschließlich an die örtliche Beschaffenheit der einzelnen Organe gebunden. Wird eine Krankheit an einer bestimmten Stelle zur Heilung gebracht, so kann sie sich daher auch nicht auf einen andern Teil, der gesund und normal ist, schlagen, wie man zu sagen pflegt, sondern es hat sich dann eben hier ein anderer, unabhängiger Krankheitsprozeß entwickelt. Leiden irgendwelcher Art soll man daher nicht hinziehen, sondern möglichst schnell Zu beseitigen suchen.
Ferner spukt noch in zahlreichen Hausmitteln der Glaube früherer Jahrhunderte. Wenn man gegen Lungenstechen Brennefsel-tee trinkt oder gegen ein Steinleiden Steinbrechabkochungen gebraucht, so ist dieses nichts anderes als ein Nachklang aus den Tagen des Paracelsus, als man meinte, den Pflanzen seien vom Schöpfer Kennzeichen oder Signaturen gegeben, aus denen ihre Wirksamkeit für die verschiedenen Krankheitsformen erraten werden könnte. Damals in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, verordnete der studierte Arzt Disteln, weil sie stechen, gegen Hüftweh, die Lungenflechte oder das isländische Moos wegen der gelappten Gestalt der blattähnlichen Teile gegen Lungenleiden, das Leberkraut wegen der leberför-migen Blätter gegen Leberkrankheiten, das Schöllkraut wegen des gelben Saftes gegen Gelbsucht und den Natterkopf wegen der züngelnden Form seines Vlütenkopfes gegen Schlangenbisse. Die erwähnte Verwendung von Brennesseln gegen Lungenstecheu, nur weil sie brennen, oder von Steinbrechkochun-gen gegen Steinleiden, weil sich die Pflanze mit Kalkausfchwitzungen bedeckt, läuft auf denfelben Gedanken hinaus und ist genau so wertlos, wie der Gebrauch des Natterkopfes gegen Schlangenbisse. Eine erkleckliche Anzahl volkstümlicher vermeintlicher Heilmittel ist in Wirklichkeit ebenso bedeutungslos.
Der Aberglaube in nacktester Gestalt mag nur mit einigen wenigen Worten gestreift werden. Im bayrischen Hochlande gilt das Tragen einer roten Siegellackstange als ein anerkanntes Heilmittel gegen die Gesichtsrose, während rötliche Gcstcinsarten, wie Blutstein, Blutungen stillen sollen. Geweihte Hostien werden in Ostpreußen als erprobte Gegenmittel gegen Krämpfe erachtet. Für