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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Japan

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Japan (Geschichte).

ihre Mitglieder wesentlich veränderte Verhältnisse. Nobunaga, der Beschützer des Christentums, war gestorben, Kriege und die feindliche Haltung Hideyoshis hatten die Besitzverhältnisse zum Nachteil der christlichen Daimios verändert, das Christentum hatte die ersten Verfolgungen und Märtyrer kennen gelernt. Bald folgten weitere nach. Am 5. Febr. 1597 wurden in Nagasaki auf Befehl des Hideyoshi (Taikosama) gekreuzigt: 3 portugiesische Jesuiten, 6 spanische Franziskaner und 17 einheimische Christen. Am Pfingstfest 1862 erfolgte durch Papst Pius IX. die Kanonisation derselben, welche schon 1627 von den Franziskanern beantragt, der Kosten wegen aber nicht ausgeführt worden war. Iyeyasu war den Christen anfangs wohlgesinnt. Erst als die ankommenden Holländer und Engländer ihn vor den katholischen Priestern, ihrer Verräterei und Herrschsucht warnten, erneuerte er Taikosamas Verbot gegen das Christentum und ging wenige Jahre darauf schärfer gegen dasselbe vor. Die blutigen Verfolgungen der Christen, deren Zahl allmählich auf 600,000 gestiegen war, und die Ausrottung des Christentums fällt unter die Herrschaft des Sohns und Enkels von Iyeyasu und in die Zeit von 1617 bis 1637. Es ist eine ewige Schmach für die Holländer, daß sie die Japaner dabei unterstützten. Die Beschreibung all der ausgesuchten Qualen, welche die Christen dabei zu erdulden hatten, liest sich wie ein Kapitel aus Dantes Hölle; die Freudigkeit und Standhaftigkeit, mit welcher Tausende ihres Glaubens wegen starben, wirkt erhebend auf jedes Christenherz. Der Haß gegen das Christentum hatte sich allmählich entwickelt, als staats- und gesellschaftverderbende Religion wurde es von nun an bis zum Jahr 1873 an den Pranger gestellt und vor ihm gewarnt. Wo jemand desselben verdächtig war, wurde ihm das Bildnis Christi vorgelegt, daß er es durch Betreten verachte. Ist es nicht wunderbar, daß ungeachtet all dieser und andrer Mittel, die verhaßte Religion auszurotten, sich im stillen bei Nagasaki im Dorf Urakami eine Gemeinde dieser Dschashumon oder "verderbten, bösen Sekte" bis in die Neuzeit erhalten konnte? Dem fast ausschließlichen Verkehr der Portugiesen mit J. von 1542 bis 1624 folgte der ebenso ausschließliche und viel beschränktere der Holländer und Chinesen bis 1854. Auf Deshima (s. d.) bei Nagasaki wohnten von 1641 an die 12-20 Beamten der Holländisch-Ostindischen Handelsgesellschaft und ließen sich der großen Vorteile ihres Monopols wegen die drückendsten und demütigendsten Bedingungen und Behandlungen gefallen, unter welchen die schimpflichsten die sind, welche ihnen jede Äußerung ihrer Religion verboten. Daß wir dieser Zeit und besonders den Ärzten in holländischen Diensten: Kämpfer, Thunberg und v. Siebold, unsre ersten bessern Kenntnisse von J. verdanken, darf nicht unerwähnt bleiben; ebensowenig der große Einfluß, den holländische Bücher und Handelsartikel mit der Zeit auf viele intelligentere Japaner übten.

Eine neue Zeit und eine Bewegung ohnegleichen brach 1854 mit der Landung der Perry-Expedition über J. herein, in deren Folge Shogunat und morsches Feudalsystem über den Haufen geworfen, mit alten Vorurteilen gebrochen, die Verkehrs- und Religionsschranken allmählich beseitigt, begierig das Fremde eingeführt und diejenigen als Lehrer berufen wurden, die man noch kurz zuvor als fremde Barbaren gehaßt und verachtet hatte. Kommodore Perry war der geistige Urheber der nach ihm benannten nordamerikanischen Expedition und ihr glücklicher Führer. Durch die Entfaltung einer den Japanern imponierenden Macht, wie sein Geschwader sie gewährte, und viel Etikette, durch Anlage und Benutzung einer kleinen Eisenbahn und Telegraphenleitung, durch taktvolles und festes Auftreten erlangte er von den Japanern das, wonach bisher verschiedene europäische Regierungen vergeblich gestrebt hatten, nämlich einen Handelsvertrag und die Eröffnung mehrerer Häfen für amerikanische Schiffe. Die andern seefahrenden Nationen folgten bald seinem Beispiel, so daß zehn Jahre später die Häfen Jokohama (Kanagawa), Jedo, Hiogo, Osaka, Nagasaki, Niigata und Hakodate dem fremden Verkehr geöffnet waren und Fremde sich in ihnen niederlassen und innerhalb eines Umkreises von 10 Ri (5 geogr. Meilen), der allgemeinen Vertragsgrenze, frei bewegen konnten. Sie standen und stehen noch unter der Jurisdiktion ihrer Konsuln und genießen deren Schutz. Durch diese Verträge, welche der Bakfu oder die Regierung des Shogun in Jedo abschloß, geriet sie in Widerspruch mit der noch herrschenden Antipathie gegen alles Fremde. Die Unzufriedenheit wurde durch einige Kuge in Kioto sowie andre hervorragende Männer genährt und geleitet und dann dazu benutzt, das Shogunat und seine Regierung verächtlich zu machen und zu schwächen, um es endlich zu stürzen und den Mikado auch faktisch wieder an die Spitze des Landes zu stellen. "Ehrt den Mikado und vertreibt die fremden Barbaren" wurde der Wahlspruch aller Feinde der Fremden. Als jedoch Kämpfe mit den Engländern vor Kagoshima (1863), mit Engländern, Franzosen, Holländern und Nordamerikanern vor Shimonoseki (1864) die tapfersten und kriegslustigsten Clans des Landes, die von Satsuma und Choshiu, belehrt hatten, daß das Vertreiben der Barbaren nicht gehe, diese auch bei näherer Betrachtung manches Nachahmenswerte besäßen, wurde eine Annäherung an dieselben angebahnt und nur noch die Beseitigung des Shogunats und Restauration der Mikadoherrschaft eifrig verfolgt. Die Leiter der Bewegung waren die Kuge Iwakura und Sanjo in Kioto, die Samurai Kido in Choshiu und Saigo und Okubo in Satsuma sowie verschiedene andre. Im J. 1868 kam es zum Bürgerkrieg, blutigen Kämpfen zwischen dem Süden, welcher die Sache des Mikado führte, und den trotz vielen Wankelmuts und großer Schwäche des Shogun selbst sehr treuen Anhängern seiner Herrschaft im Norden. Dieselben begannen vor Kioto, setzten sich dann über Osaka und Jedo nach dem Norden fort und endeten schließlich auf Jeso. Der Sieg verblieb dem Süden. Dieser äußern Revolution folgte eine ebenso tief greifende innere nach. Hierzu gehörten unter andern: 1) die Ergreifung der Regierung durch den Mikado und die Verlegung seiner Residenz nach Jedo, das von da ab Tokio genannt wurde; 2) die Mediatisierung der Daimios und die Reorganisation des Heers und der Flotte nach europäischen Mustern, ebenso der Verwaltung; 3) die Erneuerung und Sanktionierung der Verträge mit den fremden Mächten; 4) die Berufung fremder Lehrer für Schulen, Armee, Flotte, Bergbau, Eisenbahnbau etc.; 5) das gesamte, nach noch vielen andern Richtungen sich äußernde Bestreben, möglichst rasch sich die Vorteile der abendländischen Kultur anzueignen, bei welchem natürlich vielerlei Mißgriffe nicht ausbleiben konnten. Bald zeigte sich, daß der Stand, welcher diese große Revolution zuwege gebracht hatte, die Kriegerklasse oder Samurai, unter ihren Folgen am meisten litt, soweit Intelligenz und Einfluß ihren Mitgliedern nicht vorteilhafte Stellungen in der neuen