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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

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Großbritannien (Geschichte 1877-1878).

sich G. ohne einen Schatten von Recht und gegen den Willen der Bevölkerung eines Gebiets von etwa 300,000 qkm mit ca. 275,000 Einwohnern - in demselben Augenblick, in welchem seine Regierung und seine Presse aufs heftigste gegen den "eigennützigen" und "räuberischen" Angriff Rußlands auf die Türkei deklamierten.

Denn die russisch-türkischen Angelegenheiten nahmen doch vorzugsweise die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch. Nach dem Scheitern der Konferenzen von Konstantinopel (im Winter 1876/77) waren die Verhandlungen der Großmächte noch eine Zeitlang fortgesetzt worden, bis nach Ablehnung des am 31. März von den sechs Großmächten unterzeichneten Londoner Protokolls seitens der Türkei 24. April die russische Kriegserklärung erfolgte. England erklärte zwar seine Neutralität, aber Lord Derby bezeichnete das Vorgehen Rußlands in einer Note vom 1. Mai als eine Verletzung der Verträge von 1871 und gab seiner formellen Mißbilligung der russischen Aktion Ausdruck. Die gegen diese Politik gerichteten Resolutionen Gladstones lehnte das Unterhaus im Mai mit 354 gegen 223 Stimmen ab, und der Unterstützung des Unterhauses sicher, beharrte die Regierung um so entschiedener auf ihrem Widerstand gegen das Vorgehen Rußlands. Als im Spätjahr 1877 die russischen Waffen nach dem Fall von Kars und Plewna das entschiedene Übergewicht erlangten und die Pforte die Vermittelung der Großmächte nachsuchte, entschloß sich das englische Kabinett, das Parlament schon zu dem ungewöhnlich frühen Termin des 17. Jan. 1878 einzuberufen. Die Thronrede kündigte an, daß die Regierung so lange neutral bleiben werde, als die britischen Interessen nicht gefährdet seien, bereitete aber schon auf außerordentliche Geldforderungen vor. In der That verlangte die Regierung noch im Lauf des Januars einen Kredit von 6 Mill. Pfd. Sterl. für außerordentliche Rüstungen, obwohl infolge dieses Antrags Carnarvon aus dem Ministerium austrat (er wurde durch Hicks-Beach ersetzt) und Derby nur mit Mühe von dem gleichen Schritt abgehalten wurde. Die Kreditforderung wurde im Unterhaus nach lebhaften, langwierigen Debatten 8. Febr. mit 328 gegen 124 Stimmen genehmigt, und 13. Febr. segelte die englische Flotte unter Admiral Hornby aus der Besikabai durch die Dardanellen und legte sich bei den Prinzeninseln vor Anker. So waren die Streitkräfte der beiden gegnerischen Mächte fast in unmittelbare Nähe gekommen; der kleinste Zwischenfall konnte den Krieg entzünden.

In den nächsten Wochen gingen zwei Strömungen nebeneinander her. Die Friedenshoffnungen knüpften sich an die von Österreich 4. Febr. erlassenen Einladungen zu einer Konferenz der Großmächte, die Kriegsbefürchtungen an die immer fieberhafter betriebenen Rüstungen Rußlands und Englands. Hier waren schon die Kommandos für die zu entsendende Feldarmee bestimmt, und nachdem die exorbitanten Bedingungen des am 3. März geschlossenen Friedens von San Stefano bekannt geworden waren, schien die Kriegspartei die Oberhand behalten zu sollen, was sich deutlich aussprach, als Ende März Lord Derby sein Entlassungsgesuch wiederholte, diesmal, um daran festzuhalten. Dieser Rücktritt zog weitere Veränderungen im Ministerium nach sich. Schon im August 1877 war der Marineminister Ward Hunt gestorben und durch den Abgeordneten für Westminster, William Henry Smith, ersetzt worden; 4. Febr. 1878 hatte sich die Regierung durch den Herzog von Northumberland verstärkt, welcher das bis dahin von Beaconsfield mit verwaltete Amt des Geheimsiegelbewahrers übernahm. Nun ward Lord Salisbury der Nachfolger Derbys im Auswärtigen Amt, ihn ersetzte der wegen seiner eminenten Verdienste um die Armee als Lord Cranbrook zur Peerswürde erhobene Gathorne Hardy im Ministerium für Indien; zum Kriegsminister endlich wurde ein Bruder Derbys, der Oberst Lord Stanley, ernannt. Zu Anfang April wurden die englischen Reserven einberufen; die darüber erlassene königliche Botschaft gab die Veranlassung zu der zweiten großen Orientdebatte dieser Session, welche wiederum mit einem entschiedenen Sieg der Regierung endigte, und während der Osterferien des Parlaments beorderte die Regierung 6000 Mann indischer Truppen nach Europa, die vorläufig auf Malta ein Lager bezogen. Ein von Lord Hartington wegen dieser Anordnung beantragtes Tadelsvotum fand nicht einmal die Zustimmung der liberalen Presse und wurde 23. Mai mit 347 gegen 226 Stimmen abgelehnt. Gerade in diesen Tagen aber vollzog sich durch die Bemühungen des Fürsten Bismarck und des Grafen Schuwalow, des russischen Gesandten in London, ein Umschwung im friedlichen Sinn. Am 30. Mai wurde von Salisbury und Schuwalow ein Protokoll unterzeichnet, durch welches Rußland namentlich in Bezug auf die Ausdehnung des durch den Frieden von San Stefano geschaffenen Fürstentums Bulgarien sowie in Bezug auf seine eignen Erwerbungen in Asien den Engländern wesentliche Konzessionen machte. Auf Grund dessen trat 13. Juni der Berliner Kongreß zusammen, auf welchem G. durch Beaconsfield, Salisbury und Lord Odo Russell vertreten wurde; der hier vereinbarte Berliner Friede vom 13. Juli reduzierte die von Rußland im Vertrag von San Stefano erhobenen Ansprüche in sehr beträchtlicher Weise. Während des Kongresses erfuhr die Welt noch eine andre Überraschung: am 4. Juni schon hatten England und die Türkei zu Konstantinopel einen Vertrag abgeschlossen, durch welchen die Insel Cypern an G. abgetreten wurde, wogegen dieses die Garantie der dem Sultan verbleibenden Besitzungen in Asien übernahm, über deren Verwaltung es eine Art von Kontrollrecht zugesprochen erhielt. So ernste Bedenken die dadurch übernommenen Verpflichtungen bei weiter sehenden Politikern hervorrufen mochten, in England reichte die Erwerbung Cyperns, welches alsbald von britischen Truppen unter Sir G. Wolseley besetzt wurde, aus, um einen allgemeinen Enthusiasmus über Beaconsfields Politik hervorzurufen, deren Erfolge, verglichen mit den geringfügigen Ergebnissen der auswärtigen Politik seiner liberalen Vorgänger, in der That glänzend genannt werden konnten. Unter diesen Umständen hatten die von Hartington beantragten, die Politik der Regierung mißbilligenden Resolutionen keinerlei Aussicht auf Erfolg; am 2. Aug. wurden sie mit ungewöhnlich großer Mehrheit abgelehnt. Am 16. Aug. wurde darauf die Parlamentssession geschlossen.

Die Spannung mit Rußland hatte noch ein Nachspiel in dem Konflikt mit dem Emir von Afghanistan, der, durch eine russische Gesandtschaft im Juli 1878 aufgereizt, eine große englische Gesandtschaft unter Sir Neville Chamberlain im September an seiner Grenze zurückweisen ließ. In England wie in Indien empfand man, daß es zur Aufrechterhaltung des britischen Ansehens in Ostasien erforderlich sei, diese Beleidigung zu bestrafen. In Indien wurden sofort umfassende Rüstungen und Vorbereitungen getroffen; eine Armee von etwa 35,000 Mann, darunter 12,000 Europäer, wurde an der afghanischen