Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Per expressum - Perforation.

Per expressum (lat.), durch Eilboten.

Pērez, Antonio, Minister Philipps II. von Spanien, geb. 1539 in Aragonien, ward 1567 an seines Vaters Gonzalo P. Stelle von Philipp II. zum Staatssekretär erhoben und leitete, dessen volles Vertrauen genießend, Spaniens auswärtige Politik. Durch Übermut und Habsucht zog er sich aber viele Feinde zu, und nachdem er auf Befehl des Königs den Vertrauten Juan d'Austrias, Juan de Escovedo, der die Liebschaft P.' mit der Prinzessin Eboli (s. d.) zu entdecken gedroht hatte, 31. März 1578 aus dem Weg hatte räumen lassen, ward er auf Drängen der Familie des Ermordeten 1579 nebst der Eboli verhaften, durch die Folter zum Geständnis der Liebschaft mit der Eboli gebracht und nach einem langen Prozeß 1585 zu Gefängnis verurteilt. Doch gelang es ihm, 1590 aus dem Kerker zu fliehen, worauf er sich nach Aragonien begab, um unter dem Schutz der Privilegien dieses Landes sein Recht zu verfolgen. Erst als sich der König 1591 der Inquisition bediente, um seine Auslieferung zu erlangen, ward P. derselben übergeben, aber durch einen Volksaufstand zweimal wieder befreit. Philipp II. brach hierauf mit Heeresmacht in Aragonien ein und vernichtete die alte Verfassung des Landes. P. war indes nach London entkommen; 1595 begab er sich nach Paris, wo er 3. Nov. 1611 starb. Er hat interessante Memoiren über sich und Philipps II. Politik hinterlassen (Par. 1598). Sein Leben beschrieben Bermudez de Castro (Madr. 1842) und Mignet (5. Aufl., Par. 1881; deutsch, Stuttg. 1844). Gutzkow benutzte sein Schicksal als Gegenstand seines Dramas: "Philipp und P."

Perez Galdós, Don Benito, span. Roman- und Novellenschriftsteller, wurde auf einer der Kanarischen Inseln geboren, lebt aber seit frühster Jugend in Madrid. Er wandte sich zuerst der vaterländische historischen Erzählung zu mit dem Roman "La fontana de oro" (abgedruckt in der "Coleccion de autores españoles", Bd. 31, Leipz. 1872), worin die Ereignisse von 1820 geschildert sind, und begann, ermutigt von dem Erfolg derselben, in Nachahmung Erckmann-Chatrians unter dem Titel: "Episodios nacionales" einen Cyklus historische Romane, in denen er die Hauptereignisse der spanischen Geschichte von 1808 bis 1834 in glänzenden Farben darstellt (Madr. 1872, 20 Bde.). Besondere Hervorhebung aus dieser Reihe verdienen: "Trafalgar", "Bailen", "El 19 de Marzo y el 2 de Mayo", "El terror de 1824" etc. Mit seinen folgenden Werken gab er erschütterte Bilder aus dem sozialen und geistigen Leben des heutigen Spanien, welche besonders in den ultramontanen Kreisen große Erbitterung erregten. Der eine dieser Romane: "Gloria", wurde in fast alle europäischen Sprachen (deutsch, Berl. 1880) übersetzt; weiter folgten: "Marianela" (Madr. 1877), "Un voluntario realista" (das. 1878), "La familia de Leon Roch" (das. 1878), "Los apostólicos" (das. 1879) u. a. P. ist ausgesprochener Tendenzschriftsteller, aber er bringt dafür eine scharfe Beobachtungsgabe mit und zeichnet sich aus durch die ebenso treffende wie packende Schilderung der Sitten und Menschen seiner Heimat.

Perfall, Karl Theodor Emanuel, Freiherr von, Theaterintendant und Komponist, geb. 29. Jan. 1824 zu München als Sohn eines Offiziers und Gutsbesitzers, trat mit 14 Jahren in das königliche Edelknabeninstitut in München, studierte dann Rechtswissenschaft daselbst, ging aber, nachdem er 1848 die Staatsprüfung mit Auszeichnung bestanden, 1849 nach Leipzig und widmete sich hier unter M. Hauptmanns Leitung ein Jahr ausschließlich seiner musikalischen Ausbildung. Den bayrischen Staatsdienst, in den er 1850 getreten war, verließ er noch in demselben Jahr, übernahm 1851 die Direktion der Münchener Liedertafel und gründete 1854 einen Oratorienverein, dessen Führung er bis 1864 behielt. 1855 wurde er zum königlichen Kammerherrn, 1864 zum Hofmusik-Intendanten ernannt. 1867, nachdem er die Organisation der neugegründeten Musikschule vollendet hatte, zur Leitung des Hoftheaters berufen, wurde er 1869 zum wirklichen, 1872 zum Generalintendanten des Theaters erhoben, das er durch Veredelung des Repertoires und würdige Darstellungen wesentlich gehoben hat. 1880 veranstaltete er eine Folge bedeutsamer Musteraufführungen und suchte verschiedene Male durch Preisausschreiben dem deutschen Drama förderlich zu sein. Außer kleinern Werken komponierte P. die Musik zu den Künstlerfestspielen: "Barbarossa" (1849), "Prinz Karneval" (1850) und "Frühling im Winter" (1851), zu Racines "Esther" (1878) und zu P. Heyses Festspiel "Der Friede" (1871); ferner die Opern: "Sakuntala" (1853), "Das Konterfei" (1863), "Raimondin" (auch "Melusine" genannt, 1881) und "Junker Heinz" (1886), endlich die Märchen: "Dornröschen" (1858), "Undine" (1859) und "Rübezahl" (1860), die erfolgreich an der Hofbühne zur Aufführung kamen.

Per fas et nefas (lat.), "durch Recht und Unrecht", d. h. auf jede Weise, ob durch erlaubte oder durch unerlaubte Mittel.

Perfekt (lat.), vollendet, vollkommen.

Perfektibilität (lat.), Vervollkommnungsfähigkeit. Die Theologen z. B. streiten über die P. der christlichen Religion, die Politiker über die gewisser politischer Institutionen. Zur Bezeichnung des Glaubens an die P., namentlich des Menschengeschlechts, an ein beständiges Fortschreiten desselben zum Bessern hat man das barbarische Wort Perfektibilismus gebildet. Die Anhänger desselben heißen Perfektibilisten. Ebenso wurden anfangs die Illuminaten (s. d.) von ihrem Stifter Weishaupt genannt.

Perfektion (lat.), Vollendung, das Zustandekommen einer Sache, eines Rechtsgeschäfts. Ein solches ist perfekt, wenn die wesentlichen Bestandteile desselben vorhanden, wenn z. B. beim Kauf Käufer und Verkäufer über Preis und Ware einig sind.

Perfektum (lat.), s. Verbum.

Perfer et obdūra (lat.), "ertrage und harre aus!" (Citat aus Ovids "Ars amandi", 2, 178).

Perfīd (franz.) hinterlistig, treulos; Perfidie, Treubruch, Falschheit, Verrat.

Perfoliatus (lat.), durchwaschen, s. Blatt, S. 1014.

Perforation (lat.), derjenige Vorgang, bei welchem infolge einer Kontinuitätstrennung der Wandung eine bis dahin geschlossene Höhle oder ein Kanal eröffnet oder ein solides Organ durchbohrt (perforiert) wird. Dieselbe erfolgt durch Verletzung mittels eines spitzigen oder schneidende Körpers (traumatische P., perforierende Wunden); die spontane P. ist in der Regel bedingt durch Geschwüre oder durch Brand, so beim Auge, Magen, Darm. In der Chirurgie ist P. eine Operation, bei welcher durch eine kunstgerecht angelegte Öffnung die Wandung einer Höhlung durchbohrt wird, um krankhaften Stoffen den Ausgang zu verschaffen. In der geburtshilflichen Praxis ist P. insbesondere die künstliche Eröffnung des kindlichen Schädels vermittelst eines scherenförmigen Instruments, des sogen. Perforatoriums, mit nachfolgender Entleerung des Gehirns, wenn die Größe des Schädels den Durchgang durch das mütterliche Becken hindert.