102
Herzentzündung
ihm und seinem Freundeskreis eifrig studiert. Im Juli 1834 ward er plötzlich mit mehrern Genossen verhaftet, nach Perm, dann Wjatka verbannt; 1838 durfte er nach Wladimir und 1839 nach Moskau zurückkehren. Hier trat er in enge Beziehungen zu Stankewitsch, Bjelinskij und deren Kreis der «Westlinge» (zapadniki) und lernte die Hegelsche Philosophie kennen. 1840 nahm er eine Stellung im Ministerium des Innern in Petersburg an, wurde jedoch schon 1841 infolge einer Denunziation nach Nowgorod versetzt und nahm 1842 seinen Abschied. 1842‒47 lebte er in Moskau, wo er unter dem Pseudonym Iskander seine litterar. Thätigkeit begann: «Briefe über den Dilettantismus in der Wissenschaft», «Briefe über das Studium der Natur» (im Sinne der Junghegelschen Schule), die Romane (mit gelungenen Skizzen aus der russ. Gesellschaft) «Wer ist Schuld?» (deutsch in Wolfsohns «Rußlands Novellendichter», Bd. 3, Lpz. 1851), «Doktor Krupow», «Unterbrochene Erzählungen» (deutsch, Hamb. 1858) u. a. 1847 ging H. ins Ausland, war 1848 während der Revolution in Paris, wurde 1849 daselbst ausgewiesen und siedelte dann nach London über, wo er 1854 die «Freie russ. Druckerei» gründete. 1855 begann das Erscheinen der Monatsschrift «Der Polarstern» (bis 1862), vom 1. Juli 1857 an das des Wochenblatts «Die Glocke» (Kolokol; erschien von 1865 bis 1869 in Genf). 1864 zog H. nach Genf. Die letzten Jahre lebte er abwechselnd dort und in Brüssel. Er starb 21. (9.) Jan. 1870 bei einem Besuch in Paris und seine Leiche wurde später nach Nizza übergeführt.
Obgleich H. mit allen hervorragenden Leitern der Revolution und des Radikalismus in Europa in Beziehungen stand, blieb er doch auch im Auslande patriotischer Russe. Seine Begeisterung für die westeurop. Einrichtungen minderte sich sehr, als er die Französische Revolution scheitern sah, und er teilte die Meinung der Slawophilen, daß Rußland mit seinem Gemeindesystem berufen sei, die Welt zu verjüngen. Diese Ansichten sprach er aus in einer Reihe von Aufsätzen u. d. T. «Vom andern Ufer. Aus dem russ. Manuskript» (anonym, Hamb. 1850), die gleichzeitig russisch und später auch französisch erschienen. Als sich jedoch Rußland der ihm zugedachten Aufgabe im Krimkriege als nicht gewachsen erwies, machte sich H. mit allen Kräften daran, reformierend auf dasselbe einzuwirken. Dem diente die Londoner russ. Buchdruckerei und die darin herausgegebenen Publikationen: «Der Polarstern», die «Stimmen aus Rußland» (russisch, Bd. 1‒9, Lond. 1858‒60) und besonders die «Glocke», die bis 1862 einen mächtigen Einfluß auf die öffentliche Meinung in Rußland, namentlich auch auf die Aufhebung der Leibeigenschaft ausübte. Von Anfang der sechziger Jahre an begann, durch Bakunins Einfluß, die «Glocke» immer mehr anarchistische Tendenzen zu zeigen. Dies sowie die Art der Sympathie für den poln. Aufstand (1863), andererseits der wachsende Einfluß der nationalen Richtung auf die öffentliche Meinung in Rußland nahmen dem Blatte die bisherige Popularität. In der Genfer Periode hat es alle Bedeutung verloren. Andere Werke H.s sind: die «Briefe aus Italien und Frankreich» (anonym, Hamb. 1850), «Du développement des idées révolutionnaires en Russie» (Lond. 1853), «La conspiration russe de 1825» (ebd. 1858), «La France ou l’Angleterre» (ebd. 1850; deutsch, Hamb. 1858), «Aus den Memoiren eines Russen» (1. bis 4. Folge, Hamb. 1855‒59), «Byloje y dumy» («Erlebtes und Gedachtes», 4 Bde., Lond. und Genf 1861 u. 1867) u. a. Eine Sammlung seiner Werke erschien in Genf (russisch, 10 Bde., 1875‒79). – Vgl. Herzen-Iskander (russisch, Berl. 1859); Eckardt (in «Jungrussisch und Altlivländisch», 2. Aufl., Lpz. 1871) und besonders Althaus, Alex. H. (in «Unsere Zeit», Neue Folge, 8. Jahrg., 1. Hälfte, ebd. 1872). ^[Spaltenwechsel]
Herzentzündung. H. tritt entweder als Entzündung der eigentlichen Herzmuskulatur, des Herzfleisches, oder als Entzündung der innern Herzhaut mitsamt dem Klappenapparat auf und zerfällt hiernach in mehrere nach Verlauf, Ausbreitung, Intensität und Ausgang verschiedene Formen.
1) Die Entzündung des Herzfleisches (Myocarditis) wird am häufigsten im Verlauf der Pyämie und des akuten Gelenkrheumatismus, nur sehr selten als selbständige Krankheit beobachtet und bildet entweder, wie meist bei der Pyämie, kleine Abscesse in der Wand der Herzkammern (Herzabsceß oder Herzgeschwür), die nach dem Herzbeutel aufbrechen und eine eiterige Herzbeutelentzündung (s. d.) bewirken, wohl auch das Einreißen der erweichten Herzwand (Herzruptur) veranlassen können, oder giebt sich als eine chronisch verlaufende, entzündliche Wucherung des intermuskulären Bindegewebes zu erkennen, welche allmählich die Muskelfasern der entzündeten Stellen zum Schwinden bringt und mehr oder weniger ausgedehnte, weiße, schwielige Stellen im Herzfleisch (sog. rheumatische Schwielen) hinterläßt, infolgedessen die Herzwand gewöhnlich hautartig verdünnt und durch den Druck der Blutsäule sackartig hervorgedrängt wird (sog. Herzaneurysma). Die Entzündung des Herzfleisches ist immer mit erheblichen Störungen der Herzthätigkeit (unregelmäßigen Herzkontraktionen, kleinem, aussetzendem Puls, Atemnot, Schwindel und Angstgefühl) verbunden und führt gewöhnlich zur Herzerweiterung (s. d.).
2) Die Entzündung der innern Herzhaut (Endocarditis) tritt gleichfalls häufig im Gefolge des akuten Gelenkrheumatismus, bisweilen auch des Typhus und der Pyämie auf und betrifft niemals die gesamte innere Herzhaut, sondern gewöhnlich nur denjenigen Abschnitt der letztern, welcher die Herzklappen bildet. Indem sich die letztern entzünden, werden sie rauh, verdickt und mit höckerigen Faserstoffgerinnseln (Endocarditis verrucosa) überzogen, welche durch den Blutstrom abgerissen, in die Arterien verschleppt werden und in den entfernten Organen, wie dem Gehirn, der Milz, den Nieren u. a., schweres Unheil anrichten können. (S. Embolie.) Nach dem Ablauf des entzündlichen Prozesses kommt es dann gewöhnlich durch Schrumpfung des neugebildeten Bindegewebes zu Schrumpfung, Verkürzung und Verkalkung der erkrankten Klappen, und es bleibt ein dauernder Herzfehler (s. d.) mit seinen nachteiligen Folgen zurück. Die Symptome der Herzklappenentzündung können nur vom Arzt vermittelst Beklopfens und Behorchens der Brust wahrgenommen und richtig gedeutet werden; die subjektiven Symptome derselben sind wie die aller übrigen Herzkrankheiten so unbestimmt und vieldeutig, daß der Laie aus ihnen die Krankheit nicht zu erkennen vermag. Die Behandlung, welche einen tüchtig geschulten Arzt erfordert, besteht in absoluter Bettruhe, kalten Umschlägen oder Eisbeuteln auf die Herzgegend und der Anwendung der Digitalis, welche die beschleu- ^[folgende Seite]