Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Pyrenäische Halbinsel
Gletscher gehen hier bis 2280 m hinab. Zur Eis-
zeit lag die Schneegrenze im N. 1700, im S. 2000 m
hoch. Penck nimmt für jene Zeit 17 Gletscher an,
10 nördliche und 7 südliche, im Mittel jene 34, diese
32 km lang, jene bis 570, diese bis 1000 in nieder-
steigend. Außer Schliffen, erratischen Blocken, Mo-
ränen und den Schotterterraffen am Nordfuße des
Gebirges (bei Lannemazan 100 m mächtig) sind als
gegenwärtige Zeugen jener Vergletscherung auch
die meisten Seen und die eigentümlich gestalteten
Thalwurzeln, die Cirken anzusehen. Die P. sind
reich an Seen, aber diese sind nicht groß und liegen
sämtlich zwischen 1550 und 2600 m; sie fehlen in
den Kalkregionen. Fast alle Thäler sind Quer-
thäler. Aber fast alle Querthäler haben einen
eigentümlichen Anfang in einem Kessel, Cirkus
(s. Kare). Die berühmtesten Cirken dieser Art
sind die von Gavarnie und von Troumouse; jener
liegt in dem Kaltstocke des Marborö in 1640 m
Höhe, hat einen Umfang von 3^ km und ist um-
geben von 1400-1700 m hohen Wänden, über
deren drei Stufen 17 Wasserbäche, Abflüsse des
Marboregletschers, zerstäubend herabstürzen; dieser
liegt im Granit 1800 m ü. d. M. und ist selber noch
800-1200 m hoch. Aus jenem fließt der Gave de
Pau, aus diesem der Gave de He'as ab. Etwa vier
Fünftel der gesamten Abflußmenge der P. geht
nach N., um durch Adour und Garonne den At-
lantischen Ocean, durch Aude, Tech und Tet das
Mittelmeer zu erreichen. Segre, Gallego und Ara-
gon sammeln die Gewässer der Südseite und fübren
sie zum Ebro. Ter und Llobregat gehen direkt in
das Mittelmecr. Wo die Thäler des Südens und
des Nordens einander nahen, dort sind die P. zu-
meist auch überschreitbar. Freilich sind ihre Pässe
in den Centralpyrenäen lediglich Saum- und Fuß-
pfade. Die beiden Eisenbahnlinien Perpignan-
Figueras und Vayonne-San Sebastian umgehen
und durchstechen die äußersten Enden des Gebirges.
Fahrbare Straßen sind nur die Straße von Per-
pignan nach Figueras über den Col de la Pcrtus
(290 m) und die von Prades nach Puigcerda über
den Col de la Perche; über den Col de Vetale
(868 m) führt die Straße von Vayonne nach Pam-
plona, die auch der Pah von Ronccsvalles verbin-
det. Die Übergänge der Centralkette liegen in einer
mittlern .höhe von 2327 m. Die vom Verkehr be-
nutzten Wege liegen nur rund 600 in unter der
mittlern Kammhöhe und rund 1000 m unter der
mittlern Gipfelhöhe. So hat der Port de Gavarnie
2283 m Höhe; er führt zwischen dem Vignemale
und dem Mont-Perdu hindurch; zwischen dem Pic
Perdigheer (3220 m) und dem Pic d'Anethou liegt
der 2323 m hohe Port de Venasque. Von Tieren
des Waldes sind besonders der Wolf und der braune
Bär (auf welche von manchen Badeorten Frank-
reichs aus größere Jagden unternommen werden),
sowie der Marder, der Iltis und die Wildkatze zu
nennen. Luchs, Wildschwein und Hirsch sind aus-
gerottet. Eine Gemsenart, die Pyrenäenaemse,
kommt vor; der Steinbock ist selten. Geier, Adler,
Falke, Sperber und das weihe Rebhuhn beleben die
hohen, Auerhahn, Krähe, Uhu, Dohle, Specht u. a.
die niedern Regionen. Was die Pflanzen anlangt,
so steigen die Individuen im O. und S. höher als
im W. und N. So hebt sich am Südabhange die
Baumgrenze von 1400 m am Paß von Canfranc
zu 1800 m bei Panticofa und 2240 m in den Ost-
pyrenäen; am Nordabhcmge gehen Eiche und Buche
im W. bis 1400, im O. bis 1600 m. Im all-
gemeinen ist der Waldbestand (Tanne und Buche
sind charakteristisch) gering und der Graswuchs
nicht so saftig wie in den Alpen. Die Westpyrenäen
sind in beider Hinsicht durch ihr feuchtes Klima be-
vorzugt, wie andererseits die Ostpyrenäen durch ihre
Wärme es ermöglichen, daß in ihnen der Olbaum
bis 420, der Wein bis 550, die Edelkastanie bis
800, der Nußbaum bis 985, die Kartoffel bis 1565,
der Roggen bis 1625 m hinaufsteigt. Geologisch
besteht die Mitte des Gebirges aus einer in den
Central- und Ostpyrenäen besonders großen An-
zahl von Granitstöcken verschiedenen Alters; zwi-
schen denselben lagern namentlich im W. weite
Silur- und Devonmassen. Im N. begleiten Zonen
von Jura und Kreide, im S. Bänder von Kreide
und buntem Sandstein den Gebirgskern; in Bis-
caya finden sich im Jura große Mengen von Zink-
und Bleierzen; sonst sind die P. metallarm. Das
Gebirge wurde vermutlich in der Eocän- und Mio-
cänzeit gehoben; die eocänen Ablagerungen, die in
ungestörter Horizontallage den Marbors und den
Mont-Perdu krönen, lagen einst neben denen an
der Gironde. Gleichzeitig mit der Hebung fanden
Eruptionen statt; namentlich Ophite sind weit ver-
breitet, und da, wo sie auftreten, stellen sich auch
Gips- und Solquellen ein, während da, aber auch
nur da, wo der Granit mit dem Devon oder dem
Silur sich berührt, Schwefelquellen vorhanden sind.
Überhaupt übertreffen die P. an Thermen jedes
andere Gebirge; von den mehr als 1000 Mineral-
quellen, die am Nord- und Südabhang (hier noch
reichlicher als dort) hervorsprudeln, sind rund
250 warm und ihre Temperatur schwankt zwischen
11 und 77" l^.; die wärmsten sind in Cauterets, in
Vermet-lcs-Bains, in AnMe-les-Bains, Luchon
und Ar; am ergiebigsten sind die von Cauterets.
Das Schwefelwasser wird getrunken, zumeist jedoch
zu Bädern verwendet; am besuchtesten sind Ba-
gneres und Luchon, Cauterets und Eaux-Bonnes.
Die Bevölkerung, zum Teil Basken, ist nur spärlich;
Viehzucht (Ziegen, Schafe) ist Hauptnahrungs-
quelle; doch fehlt Sennerei wie in den Alpen. Das
franz. Gebiet gehört zu den Depart. Zautes-Pyre'-
nöes (f. Pyrene'es, Hautes-), Basses-Pyre'ne'es
(s. Niederpyrenäen), Aude, Ariöge und Pyrtwöes-
Orientales (s. d.). Auf span. Seite liegen die Pro-
vinzen Guipuzcoa, Navarra, Huesca, Lerida, Barce-
lona und Gerona.
Vgl. Taine, Vo^a^e anx ?^l6N668 (5. Aufl.,
Par. 1875; 4. Aufl., illustriert von Dore', 1873);
Ioanne, 1.65 ?7i-6N668 (2 Bde., ebd. 1890); Zirkel,
Die P. (in der "Zeitschrift der Deutschen Geolog.
Gesellschaft", 1867, und im "Ausland", 1867);
Penck, Die Eiszeit in den P. (in den "Mitteilungen
des Vereins sür Erdkunde zu Leipzig", 1883); ders.,
Einteilung und mittlere Kammhöhe der P. (im
"Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft in
München", 1885); Schrader, 1.68 ?^r6n668 (im
"^nnu3.ii-6 äu <^1ud alpin ki-3.n^g,i8", 1885); De
Margerie et Schrader, ^p6r^u ä6 1a 8trucwr6
F^o1oFitiu6 ä68 ?^r6N668 (im "^nnukir6 du Oind
Älpin traurig", 1891); Camena d'Almeida, I<68
?^l6N668. D6V6i0pp6IN6Nt ä6 1k 001111^18 8I.UC6
F60Frapbihii6 ä6 1a cuaw6 (Par. 1893). Neuer-
dings wurde vom Ingenieur Le^zat in Bagneres de
Luchon ein Relief der P. (1:40000) aufgestellt.
Pyrenäische Halbinsel, Halbinsel im SW.
Europas (Spanien und Portugal umfassend), so be-