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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Böhmen (Geschichte)

arbeiter betrug 53,766. Die wichtigsten Produkte waren: 35,073 kg Silber, 1,164,662 metr. Ztr. Frischroheisen, 208,271 Gußroheisen, 18,922 Blei, 26,867 Glätte, 2128 Antimon, 118,135 metr. Ztr. Graphit, 10,033,403 Ton. Braunkohle und 3,715,479 T. Steinkohle. Nach der letzten statistischen Erhebung der Industrie belief sich die Zahl der gewerblichen Unternehmungen Ende 1885 auf 124,965, die der Handelsgewerbe auf 91,000. An Verkehrsmitteln bestanden Ende 1887: 4347,7 km Eisenbahnen, 24,781,5 km Landstraßen und 1160 km Wasserstraßen. Der wichtigste Flußschiffahrtsverkehr findet auf der Elbe statt. Der beim Grenzzollamt Schandau nachgewiesene Warenverkehr umfaßte in der Thalfahrt 16,7 Mill. metr.

Ztr. (darunter 14 Mill. Braunkohle, 1,2 Mill. Werkholz), in der Bergfahrt 245,900 metr. Ztr. Postanstalten bestanden Ende 1887: 1089, Staatstelegraphenämter 432, Sparkassen 117 mit 536,793 Einlegern und einem Guthaben derselben von 335,86 Mil. Gulden.

Geschichte. Begünstigt vom Ministerium Taaffe, setzten die Tschechen ihre Bemühungen, B. gänzlich zu slawisieren, fort; die sich liberal nennenden sogen. Jungtschechen gingen in ihren Forderungen sogar weiter als die mit dem Klerus und dem Feudaladel verbündeten Alttschechen. Die Tschechen behaupteten, hierdurch nicht nur ihre eigne nationale Existenz zu sichern, sondern auch den Bestand des österreichischen Staats, indem ein starker slawischer Staat zwischen dem Deutschen Reich und Deutschösterreich die Aufsaugung des letztern durch Deutschland hindern werde. Ihren leidenschaftlichen Haß gegen letzteres gaben sie bei jeder Gelegenheit kund, und nur einige Führer, welche zu der Regierung Beziehungen unterhielten, wie Rieger, nahmen auf das Bündnis zwischen Österreich und Deutschland einige Rücksicht, während es andre offen bekämpften und dafür ein Bündnis mit Rußland und Frankreich forderten. Dennoch machte die Regierung, namentlich der Justizminister Prazak, den Tschechen immer neue Zugeständnisse, um sich deren Zustimmung im Reichsrat und damit die Mehrheit zu sichern. 1886 gebot eine neue Sprachenverordnung, daß auch die Beamten des Oberlandesgerichts beide Sprachen, Tschechisch und Deutsch, verstehen und gebrauchen müßten. Während durch die Forderung der Doppelsprachigkeit die deutschen Beamten, besonders die aus andern Kronländern, als des Tschechischen meist nicht mächtig, verdrängt wurden (1889 waren von 45 Beamten der Staatsanwaltschaft 41 Tschechen, nur 4 Deutsche!), wurden die Anforderungen hinsichtlich der Kenntnis des Deutschen bei den Prüfungen tschechischer Schüler und Studenten immer mehr ermäßigt und die amtlichen Vorschriften darüber lax gehandhabt. Die Deutschen erneuerten daher ihre Forderung, daß die deutschen Distrikte von den tschechischen administrativ getrennt würden, damit das Eindringen der Tschechen in reindeutsche Gemeinden als Beamte, Arbeiter etc., welche dann sofort tschechische Schulen für sich verlangten und die Slawisierung begannen, aufhöre und der nationale Hader beschwichtigt werde.

Ein dahin gehender Antrag der deutschen Abgeordneten im Landtag wurde von der tschechischen Majorität nicht einmal einem Ausschuß überwiesen, sondern gleich bei der ersten Lesung auf Antrag des Fürsten Karl Schwarzenberg abgewiesen, worauf die Deutschböhmen 22. Dez. 1886 den Landtag mit der Erklärung verließen, daß sie ihn erst dann wieder besuchen würden, wenn ihnen Bürgschaften für die sachliche Erwägung ihrer Wünsche und Anträge geboten

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würden. Die deutschböhmischen Wähler billigten diesen Schritt ihrer Abgeordneten und hielten treu zu ihnen; die ihres Mandats verlustig erklärten deutschen Abgeordneten wurden sämtlich wiedergewählt. Die Vermittelungsvorschläge, welche der Oberstlandmarschall Fürst Lobkowitz Ende 1887 dem Führer der Deutschen, Schmeykal, machte, und welche auf eine Teilung des Landtags in drei Kurien (Großgrundbesitz, Tschechen und Deutsche) hinausliefen, winden zurückgewiesen, zumal sie nicht aufrichtig gemeint waren; die Deutschen beharrten auf voller Sicherung ihres nationalen Besitzstandes durch administrative Teilung Böhmens nach den Nationalitäten und die Teilung des Landtags in zwei nationale Kurien, denen das Veto gegen alle Übergriffe zustande. Ein Versuch, die deutschen Großgrundbesitzer für die Beschickung des Landtags durch das Zugeständnis einer Anzahl von Abgeordnetenmandaten zu gewinnen, den die Feudalen auf Antrieb Taaffes 1889 machten, scheiterte ebenfalls an der Einigkeit der Deutschen. Die Tschechen hatten also die unbestrittene Herrschaft im Landtag und benutzten sie, um ihre Interessen rücksichtslos zu verfolgen; 1888 beschlossen sie auf Kosten der deutschen Steuerzahler die Errichtung einer böhmischen (tschechischen) Akademie der Wissenschaften und Künste in Prag. Bei den neuen Landtagswahlen in den Städten im Juli 1889 gewannen die Deutschen zu ihren 29 Sitzen noch den zu Krumau hinzu, während die Alttschechen bloß 20, einige nur mit Mühe, behaupteten und die Jungtschechen 29 Mandate eroberten. Es waren das die Früchte der von der Regierung seit Jahren begünstigten nationalen Agitation. Durch den Sieg der sehr deutschfeindlichen, aber radikalen Jungtschechen geriet die Regierung in Verlegenheit. Der Statthalter v. Kraus wurde 7. Sept. entlassen und Graf Thun-Hohenstein zum Statthalter ernannt, der sich zwar 1888 für die Königskrönung ausgesprochen hatte, aber für einen energischen Gegner des Liberalismus galt. Der Minister Graf Taaffe suchte von neuem Ausgleichsverhandlungen mit den Deutschen einzuleiten. Diese verlangten aber von vornherein eine beruhigende Erklärung über die Absichten der Regierung hinsichtlich der Krönungsfrage, und daran zerschlugen sich die Verhandlungen. Die 41 deutschen Abgeordneten beschlossen auch diesmal, dem Landtag fern zu bleiben. Die Jungtschechen traten in demselben herausfordernd auf, und die Alttschechen wagten nicht, ihnen zu widersprechen, um nicht ihre Popularität Zu verlieren. Sie beantragten sofort 12. Okt. eine Adresse an den Kaiser mit der Bitte um die Wiederherstellung des Königreichs B. und seiner frühern, durch den Krönungseid zu bekräftigenden Rechte. Dieser Antrag wurde 10. Nov. mit 113 gegen 37 Stimmen abgelehnt, weil die Alttschechen durch Rücksichten auf die Regierung gebunden waren; doch wurde die angenommene Tagesordnung mit dem Vertrauen begründet, daß die Krone den richtigen Zeitpunkt wählen werde, um das große Werk des böhmischen Staatsrechts durch die Königskrönung abzuschließen. Dafür wurden die Alttschechen durch ein neues Sprachengesetz belohnt, welches auch für die Bezirks- und Gemeindebehörden die Zweisprachigkeit vorschreibt.

Zur Litteratur: Langhans, Das Königreich B. (Wien 1881); »Spezialortrepetitorium von B.« (hrsg. von der statistischen Zentralkommission, das. 1885); Schlesinger, Die Nationalitätsverhältnisse Böhmens (Stuttg. 1886); Prochazka, Böhmens landtäflicher Grundbesitz (Prag 1886); Mischler, Der öffentliche Haushalt in B. (Wien 1887); Katzer,