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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Gesundheitspflege (Sterilisierung der Milch, Sanatorien für Lungenkranke)
Säuregraden beurteilen; schon bevor die sichtbare Säuerung der Milch auftritt, steigert sich der Säuregehalt; es besteht eine Art Inkubationsstadium, und während desselben wird die Sterilisierung immer schwieriger und Zuletzt unmöglich. Milch, die beim Kochen gerinnt, muß als sauer erklärt werden.
Bei der Diskussion sprach sich besonders Fränkel-Königsberg für die Notwendigkeit allgemeiner Sterilisierung der Milch aus. Sei einmal nachgewiesen, daß in der Milch häufig Krankheitserreger vorkommen und daß ^chon die gewöhnlichen Gärungserreger durch die Veränderungen, die sie in der Milch hervorbringen, nachteilige Folgen für den Milchtrinker erzeugen können, so müsse auch der Hygieniker die Forderung einer durchgreifenden Abhilfe durch Sterilisierung der Milch (auch der zum Genuß für Erwachsene bestimmten) erheben. Man könne zugeben, daß sich das praktisch nicht werde erreichen lassen, aber als Ideal müsse es doch hingestellt werden, sonst erreiche man überhaupt nichts Ordentliches. Gronwald - Berlin sprach über die Methoden der Sterilisierung.
Die Soxhletsche, welche in vielen Familien erfolgreich ausgeübt wird, hat neuerdings noch Verbesserungen erfahren, scheint aber auf den Gebrauch in Familien beschränkt zu bleiben, da die eigentümliche Art des Flaschenverschlusses den Transport nicht gestattet. Die Methode Neuhaus, Gronwald und Öhlmann ist dagegen nur für den Großbetrieb berechnet und breitet sich schnell über die größern Städte Deutschlands aus. Dieselbe ist vom kaiserlichen Gesundheitsamt geprüft worden, und es hat sich ergeben, daß sie alle pathogenen Bakterien, die Mtlchsäurebazillen und die Bakterien der blauen Milch sicher tötet. Es wird keine zu hohe Temperatur angewendet, indem man nicht besondern Wert darauf legt, die sehr widerstandsfähigen Sporen der zur Gruppe der Heu- und Kartoffelbazillen gehörigen Bakterien zu vernichten, sondern darauf, dieselben für den Fall des Vorkommens in der Milch unwirksam zu machen.
Dies geschieht, indem der Milch die Luft entzogen wird, welche jene Keime zu ihrer Entwickelung gebrauchen. Die Milch bleibt daher dauernd haltbar, wenn der Verschluß hinreichend fest ist. Zutritt selbst von bakterienfreier Luft ruft Zersetzung hervor. Lehmann-Würzburg sprach über die Herkunft der in der Milch enthaltenen Bakterien. Dieselben seien nicht immer auf Nnreinlichkeit beim Melken zurückzuführen, man findet sie auch bei Anwendung aller antiseptischen Maßregeln, und es läßt sich nachweisen, daß die Milch bakterienhaltig aus dem Euter kommt.
Zählungen ergaben bei Würzburger Milch 1,5 Mill. und mehr Bakterien in 1 com (ein noch ganz gutes Verhältnis im Vergleich zur Milch andrer Städte).
Gestützt auf die Erfahrung, daß Milch schneller verdirbt, wenn man die beim Melken zunächst erhaltenen Portionen mit dem übrigen Inhalt des Enters vereinigt, hat Redner die ersten 300 (;oin besonders untersucht. Bei Anwendung aller antiseptischen Vorsichtsmaßregeln ergab diese Anfangsportion 50,000-100,000 Batterien in 1 coin. Die bis auf einen Nest von etwa 300 eom ausgemolkene Hauptmasse der Milch wies etwa 5000 Bakterien in 1 ecmi auf, der Nest von 300 eom war meist batterienfrei. Es verunreinigen sich also die nach dem Melken in den Strichen zurückbleibenden kleinen Mengen Milch an der Mündung der Striche durch Berührung mit der Luft, mit Schmutz 2c., und diese Verunreinigung (mit Bakterien) pflanzt sich allmählich nach dem Innern des Euters fort. Bedenkt man, daß in 1 oom saurer Milch 4000 Mill. und mehr Bakterien vorhanden
sind, so erhellt, daß eine Säuerung des Euterinhalts an und in den Ausgangskanälen auf den durch' schnittlichen Gehalt der Milch an Bakterien Zurückwirken muß. Beim Melken werden natürlich die unreinsten Teile der Milch zuerst aus dem Euter entfernt, sodann kommen immer reinere an die Reihe, bis man zuletzt keimfreie Milch erhält. Das in guten Molkereien geübte Verfahren, die zuerst ausgemolkene Milch zu beseitigen, ist daher gut begründet.
Den zweiten Vortrag hielt Moritz-München über Sanatorien für Lungenkranke. Er berührte kurz die fürchterlichen Verheerungen, welche die Tuberkulose anrichtet, und die Vergeblichkeit der bisher angewandten klinischen Mittel. Weder die Entdeckung des Tuberkelbacillus noch die Einführung des Tuberkulins haben merkliche Hilfe schaffen können, so daß wir nach wie vor auf die Selbstheilung angewiesen sind, die ja hin und wieder eintritt, um so häufiger aber, je mehr man sie durch zweckmäßige Haltung und Pflege des Kranken unterstützt. Der möglichst reichliche Genuß frischer Luft, geregelte Diät und Verhütung von Schädigungen durch allerhand Sorglosigkeiten sei dabei Hauptbedingung.
Der Körper muß abgehärtet und widerstandsfähig gemacht werden gegen die Bacillen, welche den starken Heilkräften der Natur unterliegen. Der erste, welcher auf diese diätetische Behandlung der Lungenkranken aufmerksam machte, war Brehmer in Görbersdorf, der Ende der 50 er Jahre die Behandlung in der Anstalt inaugurierte und die Wichtigkeit derselben hervorhob. Die Erfahrung hat dann gelehrt, daß alle gedeihlichen Maßregeln in einer Anstalt sich ungleich sicherer durchführen lassen als in der eignen Häuslichkeit. Nun gibt es gegenwärtig viele, zum Teil berühmte Privatanstalten für Lungenkranke, indes sind diese nur Wohlhabenden zugänglich, und angesichts der Verheerungen, welche die Tuberkulose gerade in den untern Volksschichten anrichtet, drängt sich die Notwendigkeit auf, öffentliche Heilanstalten für unbemittelte Lungenkranke einzurichten. Der Redner gab ein anschauliches Bild von einer solchen Heilanstalt, wie sie nach seiner An-schauung beschaffen sein müßte. Eine Hauptsache sei, die Lage in reiner, gesunder Luft. Die Anstalt müßte weit außerhalb großer Städte, in geschützter Lage 2c. erbaut werden, die Räume müßten groß und gesund sein. Jedenfalls dürften nicht mehrere Kranke in demselben Zimmer liegen. Von prophylaktischer Bedeutung sei die gehörige Desinfektion des Hauses sowie die Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, welche geeignet sind, Weiterverbreitung der Krankheit zu verhindern. Schwierig sei die finanzielle Seite der Frage zu lösen, allein als unmöglich könne die Lösung nicht betrachtet werden. Man möge nur den außerordentlichen Nutzen der Anstalten ins Auge fassen. In der Brehmerschen Anstalt in Görbersdorf wurden im vorvergangenen Jahr von 554 Lungenkranken 22Proz. geheilt, 67 Proz. hatten einen, wenn auch nicht vollständigen, so doch teilweisen Erfolg ihrer Kur zu verzeichnen. In den öffentlichen Krankenhäusern ist der Erfolg bei weitem ungünstiger; so starb, um nur ein Beispiel zu erwähnen, in der Berliner Charite in einem Jahr fast die Hälfte der Lungenkranken. Daraus geht hervor, daß der Aufwand der Krankenkassen für Tuberkulose durch geringere Mortalität in den speziellen Heilanstalten sich bald vermindern müßte. Der Staat könne bei Errichtung der Anstalten durch Überlassung von Bauland mitwirken. Im übrigen kämen die Gemeinden sowie die beteiligten Kassen in Betracht. Die Ge-