Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Stier - Stimmung
geht, bis jetzt noch beinahe völliges Dunkel herrscht.
Neuere bezügliche Untersuchungen von K. Frank und R. Otto "(»Deutsche landwirtschaftliche Presse , Berl. 1891) scheinen nun zu dem auch für die praktische Landwirtschaft wichtigen Ergebnis geführt zu haben, daß an der Neubildung der stickstoffhaltigen organischen Substanz die grünen Blätter der Pflanze beteiligt sind. gleichwie unter dem Einflüsse des Lichtes die aus der Luft direkt in das Blatt aufgenommene Kohlensäure in kohlenstoffhaltige organische Verbindungen (Stärkemehl) umgewandelt wird. Als Durchgangsbildungen der Eiweißstoffe dienen die Amidouerbindungen, welche wahrscheinlich in den grünen Blättern neu gebildet werden aus dem S. der Luft und stetig aus diesen als stickstoffhaltiges organisches Material in der Pflanze an die Orte des Verbrauches wandern. In der Thatfanden Frank und Otto in vollkommen erwachsenen und ausgebildeten Blättern, z. B. vom Rotklee, der Robinie und dem Kümmel, auffallend viel Asparagin, welches nicht anders als an Ort und Stelle aus dem rohen Nährstoffmaterial entstanden aufzufassen ist. In Übereinstimmung mit der von I. Sachs gefundenen Thatsache, daß die Blätter am Abend reich an Stärkemehl sind, daß sie dasselbe aber am Morgen ganz oder größtenteils durch ununterbrochene Ableitung aus dem Blatte nach dem Stengel wieder verloren haben, ergab sich, daß die grünen Blätter der Pflanze an jedem Abend stickstoffreicher sind als am Morgen.
Der Mehrgehalt ist besonders bei der Luzerne, dem Rotklee und I^tn.vl'us sehr bedeutend, zeigt sich aber auch im geringern Grade bei den Nichtleguminosen.
Eine Zufuhr der stickstoffhaltigen Substanz aus dem Boden von den Wurzeln muß schon deshalb als ausgeschlossen betrachtet werden, weil das allgemeine, aus dem Boden zu beziehende anorganische Stickstoffnabrungsmittel, die Salpetersäure, nach andern Untersuchungen von vielen Pflanzen schon in den Wurzeln assimiliert wird und gar nicht in die Blätter gelangt. Im übrigen sind abgeschnittene grüne Rotkleeblätter am Abend reicher an Asparagin als am Morgen, weshalb nur eine Erwerbung von S. durch ! das Blatt allein angenommen werden kann. Als praktisches Resultat dieser Thatsache ergibt sich, daß man Grünfutter am vorteilhaftesten zu einer Tageszeit schneiden wird, wo dessen Futterwert am höchsten ist, d. h. kurz nach Sonnenuntergang; daß auch beim Weidegang der Futterwert der Blätter zur Abendzeit am arö^ten sein wird, zumal wenn das Wetter am Tag über heiter und warm gewesen ist, weil dann die'Blätter am meisten mit stickstoffhaltigen Substanzen, welche den größten 'Nährwert besitzen, erfüllt sind.
Stier, Hubert, Architekt, geb. 27. März 1838 zu Berlin, erhielt den ersten Unterricht in der Architektur von seinem Vater, dem mehr durch phantasievolle Entwürfe als durch ausgeführte Bauwerke bekannt gewordenen Professor Wilhelm S. (gest. 1856), studierte dann auf der Berliner Bauakademie, nio er sich besonders an I. H. Strack anschloß, und gewann 1862 das Stipendium der Berliner Kunstakademie für Architektur zu einer Reise nach Italien. 1867 und 1868 unternahm er abermals Studienreisen nach Italien und Frankreich, wo er in Paris in nähere Beziehungen zu Viollet le Duc trat. Sein erster größerer Bau war das Gebäude der Flora in Charlottenburg mit anstoßendem Palmenhause (1874), bei dessen Fassaden er den Backsteinbau in Verbindung mit Terrakotten verwendete, an dem er auch in den meisten feiner spätern Schöpfungen im Anschluß an den ro manischen und gotischen Stil, gelegentlich auch an Renaissancemotive, festhielt. 1877"erbaute er das Siegesdenkmal auf dem Marienberg bei Branden^ bürg in Gestalt eines Turmes. Im Jahre zuvor war er nach Hannover übergesiedelt, wo er den Bau de^ neuen Bahnhofsgebäudes unternahm und 1879 vollendete. In demselben Jahre wurde er zum Professor der Architektur an der technischen Hochschule daselbst ernannt. Seitdem hat er Entwürfe zu zahlreichen Bahnhofs-, Post- und Schulgebäuden geliefert, unter denen die Empfangsgebäude auf den Bahnhöfen in Hildesheim (1881), Kreiensen (1887) und Bremen (1889) die hervorragendsten sind. In der Wiederherstellung der Liebfrauenkirche in Arnstadt (1880-89) und der Nikolaikirche in Eisenach (1888) hat er sich als gründlichen Kenner der romanischen und gotischen Bauweise bewährt. Er gab heraus: »Aus meinem Skizzenbuch. Reisestudien in Frankreich« (Stuttg.
1885-89).
Stimmung gehört zu denjenigen seelischen Zuständen, welche sich einer kurzen und erschöpfenden Begriffsbestimmung entziehen, einer solchen aber auch um so weniger bedürfen, als jedermann aus der eignen Erfahrung sehr genau weiß, was eine S. ist.
1) Es läßt sich indessen zunächst einiges über die Veränderungen aussagen, welche die drei Hauptgruppen der psychischen Thätigkeit: Vorstellungen, Gefühle, Triebe, während der Stimmungen erleiden, ü) Die Vorstellungen zeigen sowohl einzeln in ihrem Inhalte als auch untereinander in ihrer Verbindung besondere Abweichungen. Inhaltlich sind sie sozusagen dunkel oder hell gefärbt, d. h. bei trüber S. trauriger, bei guter S. fröhlicher Natur. In ihrer Verbindung tritt ein zeitlicher Unterschied hervor insofern, als in gehobener S. der Ablauf der Vorstellungen ein beschleunigter und in entgegengesetzter S. ein verlangsamter zu sein pflegt, d) Die Gefühle drängen sich bei jeder S. in den Vordergrund, mit Ausnahme der Apathie, wo sie gewöhnlich auf ein niedriges Niveau herabgehen. Ihrer Beschaffenheit nach sind sie selbstverständlich in den Stunden guter Laune hauptsächlich Lustgefühle, in denen schlechter Laune wesentlich Unlustgefühle, ch Die Willensthätigkeit findet man bald erhöht, bald herabgesetzt.
Desgleichen zeigen die willkürlichen Bewegungen, Gangart, Gestikulation, Haltung, die bekannten Abweichungen, entsprechend der herrschenden Gehobenheit oder Niedergeschlagenheit. - 2) Die Einteilung der Stimmungen stützt sich vorteilhaft auf die besprochenen Veränderungen der Gefühlsseite als auf die wichtigste unter allen hergehörigen Teilerscheinungen. Wir unterscheiden demgemäß: u.) Die gleichmütige S., die man auch als stimmungslose S. bezeichnen könnte, und welche als die Regel anzusehen ist. In ihr ordnen sich die Gefühle den verstandesmäßigen Überlegungen unter, d) Die gefühlsarme S. der Apathie oder Teilnahmslosigkeit, meist die Folge von Erschöpfung und stets durch den verlangsamten Vorstellungsablauf gekennzeichnet, o) Die gefühlsreiche S. der Heiterkeit. Sie führt gewöhnlich eine Beschleunigung der Vorstellungs- und eine Erhöhung der Willens- wie Bewegungsthätigkeit mit sich. (1) Die gefühlsreiche S. der Traurigkeit, innerhalb deren zwei Unterabteilungen, die niedergeschlagene und die erregte trübe S., bestehen, je nachdem die Seele unter dem Drucke der S. langsamer oder rascher arbeitet. Jene Art kann zur tiefsten Melancholie sich steigern, diese in wilde Verzweiflung ausarten. - 3) Die Ursachen der Stimmungen können auf der körperlichen oder auf der geistigen Seite liegen