Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

936
Ungarische Litteratur der Gegenwart (Drama, wissenschaftliche Litteratur etc.)
würdigen Humor besitzt unter den »Jüngstem Viktor Räkosi, dessen kleine Skizzen allerliebste Genrebilder aus dem ungarischen Philisterleben, eine Art »Pickwickier« sind.
Drama.
Sind Roman, Novelle und Skizze noch immer die populärste Dichtgattung, so ist dagegen das Drama diejenige Richtung, in welcher sich die edelsten ungarischen Geister unausgesetzt abmühen, die großen klassischen und modernen Vorbilder zu erreichen. Der weitaus begabteste unter allen ist unstreitig Gregor Csiky, zuletzt Dramaturg am Budapester Nationaltheater, der anfangs in den Banden des geistlichen Berufes akademisch gefeilte, herkömmlich bühnengerechte Stücke schrieb, dann mit der Kutte auch die Konvention abstreifte und nach einem gründlichen Studium der Pariser Theaterdemungarischen Drama einen energischen Ruck ins Moderne gab. Seine etwa drei Dutzend Stücke, die von Fruchtbarkeit und Vielseitigkeit zeugen, sind zumeist moderne ungarische Sittenbilder. Er hat neue Typen der Gesellschaft auf die Bühne gebracht und nach französischer Manier mit Glück Probleme aufgeworfen und gelöst. Mehr und mehr ist er in der straffen Bühnentechnik und in der Kenntnis aller Effekte fortgeschritten. Er weiß den Zuschauer unfehlbar zu rühren und zu erheitern.
Er hat sich in allen Genres versucht bis hinauf zur historischen Tragödie (darunter die ersten Akte von »Spartacus < von bleibendem Werte) und herab zum burlesken Operettentert. Am glücklichsten ist er im modernen Sittenstück mit abwechselnd rührenden und erheiternden Effekten. Csiky war für die ungarische Bühne das, was Iökai für den Roman ist, nur war er im Gegensatz zu dem phantastisch-optimistischen Iökai berechnend und pessimistisch. Ebenso war er durch seinen unermüdlichen Fleiß (er schrieb neben den Stücken auch Romane und Novellen, übersetzte Griechen, Lateiner und Franzosen) von anregendster Wirkung auf die allgemeine litterarische Bewegung.
Sein nach kaum ^Ojähriger Thätigkeit 19. Nov.
1891 jählings erfolgter Tod hat der dramatischen Litteratur Ungarns einen unersetzlichen Verlust zugefügt. Nach Csiky ist Eugen Räkosi als der mit der Bühnentechnik vertrauteste Dramatiker zu nennen. Er ist öfters nicht frei von Nachahmung Shakespearescher Äußerlichkeiten nnd von Liebe zu lyrischen Ergüssen; doch ist er Meister in der Erfindung schroffer dramatischer Konflikte und wirksamer Kontraste. Sein bleibendes Werk hat er noch nicht geschrieben. Ihm verwandt, ein witziger, spielender Geist ist Ludwig Döczy, der, auch in der deutschen Litteratur bekannt, hier nicht näher charakterisiert zu werden braucht. Ein kräftiger, jüngerer Dramatiker ist der schon als Lyriker genannte Ludwig Bartök; seine Stücke besitzen straffe Technik und folgerichtige Charakterzeichnung. Seine »Anna von Bartfeld < spielt im Mittelalter in einer deutschen Stadt Oberungarns und wäre darum den deutschen Bühnen zu empfehlen. Nicht zu übersehen ist Arpad Berczik, dessen hausbackener Humor, an den unsers Roderich Benedix erinnernd, das ungarische Theaterpublikum seit drei Jahrzehnten mit aus dem Familienleben gegriffenen, harmlos-heitern Szenen unterhält. Gabänyi erinnert in seiner drastischen Komik an Schönthan. Der jüngste der Dramatiker, Murai, hat von Moser gelernt. Noch aus alter Zeit ragt der freiwillige Einsiedler Ludwig Dobsa in die Gegenwart hinein, ein besserer Raupach in der Vorführung ungarischer Geschichtsbilder. Noch ist Karl Hugo nicht vergessen, der im Wahnsinn auf
fremder Erde starb und dessen kräftige dramatische Ader im »Kaufmann von Marseille an Echegaray
gemahnt.
Litterarische Gesellschaften- Wissenschaftliche Litteratur,
Übersetzungen.
Für Befruchtung der schönen Litteratur sorgen die belletristischen Gesellschaften, welche nach hervorragenden ungarischen Dichtern benannt wurden.
Die älteste und vornehmste, die Gesellschaft der »Unsterblichen«, ist die Kisfaludy-Gesellschaft, ihr folgt, meist aus den Jüngern bestehend, die Petö'fi-Gesellschaft. Daneben gibt es Kemeny-, Kölcsey-, Toldy-, Vörösmarty-Klubs. Von all diesen Gesellschaften, welche öffentliche Gratisvorlesungen vor zahlreichem Publikum abhalten, strahlt viel Anregung für das belletristische Leben und Schassen aus. Die ungarische Litteraturgeschichte und Ästhetik wird jetzt in akademischem Stile durch Zoltan Beöthy, im modernen Sinne durch Siegmund Bodnär vertreten.
In der Kritik ragen Eugen Rakosiund Joseph Keszler (französische Schule) hervor. Für die bildenden Künste hat die meisten Quellenwerke Thomas Szama
herausgegeben.
Während die schöne Litteratur im engern Sinne durch die Tagespresse und die Politik an innerer Kraft verloren hat, wird sie noch mehr durch die wissenschaftliche Litteratur eingeengt, deren Entfaltung erst nach der Wiederkehr des konstitutionellen Lebens begann. Seit 1867 ist un^r Führung der ungarischen Akademie Erstaunliches geleistet worden. Diese Anstalt verfügt über bedeutende Mittel, die durch reiche Legate fortwährend vermehrt werden, und verfolgt drei Hauptziele: 1) Fortbildung der ungarischen Sprache, Litteratur, Landes- und Volkskunde, Geschichte und Archäologie; 2) umfassende Pflege aller modernen Wissenschaften, namentlich der mathematisch-physikalischen, für die besondere Klassen mit Vorlesungen eingerichtet wurden; 3) Verbreitung der besten Werke der ausländischen Litteratur in Übersetzungen. Die unter 1) genannten, mehr nationalen Fächer haben sehr schätzbare, von der europäischen Wissenschaft übernommene Resultate zu Tage gefördert. So speziell in Bezug auf Geographie, Flora, Fauna, Geognosie, Statistik und Linguistik Ungarns. In Bezug auf Entstehung und Verwandtschaft der ungarischen Sprache stehen die »Ugristen« unter Budenz den »Turkisten« unter Vambery gegenüber. Eine vermittelnde Ansicht geht dahin, daß der führende Stamm der Ungarn türkischen, die Masse des Volkes dagegen ugnichen (uralaltaischen) Ursprungs war, und daß der Typus der Sprache ugrisch geblieben ist, mit vielen türkischen Einmengseln. Die ungarische Archäologie (Altmeister Franz Pulszky und Sohn, Emerich Heuszl mann, Bischof Iuolyi Hampl) stützt sich auf ein reiches, interessantes Material von Gräberfunden und alten Kirchenbauten. Neuestens ist das bei Alt ofen blohgelegte Aquincum (mit Bad und Amphitheater, Kastrum) Gegellstand emsigster, lohnendster Forschungen. Die Funde geben eine stumme Chronik der Römer-, Avaren-, Hunnen-, Sarmaten-, Kelten- und Germanenwanderungen. Die Nationalgeschichte hat einen ungeahnten Aufschwung genommen, da sowohl die Hof- als zahlreiche Komitats-, Städte- und Familienarchiue geöffnet wurden. Ein Verherrlicher der Räköczy-Zeit ist der temperamentvolle Historiker und radikale Politiker Koloman Thaly. Der junge Gelehrte Heinrich Marczali behandelt mit Vorliebe die josephinische Zeit, welche er nicht nur diplomatisch genau belegt, sondern in